Politiker und Journalisten: Freunde, die einander verdienen8. Januar 2012

Die Wulff-Affäre – ein Machtkampf zwischen Politik und Medien. Alte Absprachen gelten nicht mehr, in Zeiten neuer Medienrealitäten lautet die Devise: anything goes. Das Publikum ist angewidert und wünscht sich den Rücktritt; den Rücktritt des Bundespräsidenten und von allen beteiligten Journalisten.

.

Foto: Tobis Film


Prolog

In “Iden des März”, einem US-Polit-Drama um den Präsidentschafts-Wahlkampf von Mike Morris (George Clooney), gibt es eine Schlüssel-Szene. Kampagnenmanager Stephen Meyers (Ryan Gosling) versucht, eine hartnäckige Reporterin davon abzubringen, eine Skandal-Geschichte über ihn zu veröffentlichen:

.

- “Ida, you’re supposed to be my friend. Why do you wanna stick the fucking knife at me, on a bullshit story?”

- “Is that what you thought that we are friends? (…) You give me what i want. I write you better stories. Don’t pretend, it’s any more than that.”

.

Die gute alte Zeit

Politiker und Journalisten. Eine Zweckgemeinschaft zweier Berufsgruppen, die im gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen. Ohne Informationen kein Journalismus, ohne Öffentlichkeit keine Politik. Und so haben sich beide Seiten über die Jahre. miteinander arrangiert, Umgangsregeln ausgehandelt, an die sich alle mehr oder weniger gehalten haben.

Die wichtigste Regel für die Berichterstatter: Kritik an den Herrschenden ist zwar erlaubt, zu viel davon jedoch wird oft mit Liebes- bzw. Informationsentzug bestraft. Wer gegen die ungeschriebenen Gesetze verstößt, darf das nächste mal eben nicht mehr mit zum Emir – “Sorry, aber die Präsidentenmaschine, leider voll.”

Umgekehrt haben Politiker die Aufgabe, Journalisten laufend mit frischen Informationen und Indiskretionen zu versorgen, welche den Tippgebern und den Journalisten gleichermaßen nutzen. Die “gut unterrichteten Kreise” sind immer gut für eine neue Schlagzeile, für die Auflage oder für die Einschaltquoten.

Peter Kruse: “Macht definiert sich neu”

.

Neue Spielregeln

Das Internet verändert die Spielregeln, und zwar grundlegend. Nicht nur, dass sich die Geschwindigkeit erhöht, mit der sich Informationen verbreiten. Das Netz rüttelt an den Grundfesten von Parteizentralen und Redaktionen, auf die sich beide Seiten bislang verlassen konnten. Absprachen, gegenseitige Abhängigkeiten, sanfte oder auch mal weniger sanfte Erpressung, das alles funktioniert in einer vernetzten Welt so nicht mehr. Blogger haben keinen Verleger, den man unter Druck setzen könnte. Eine über Twitter ausgeplauderte Indiskretion lässt sich nicht wieder einfangen. Die fein austarierte Machtbalance zwischen Politikern und Journalisten gerät aus den Fugen.

.

Guttenberg als Mahnung

Politiker können sich nicht länger darauf verlassen, einen Journalisten in der Tasche zu haben. Für die Amtsinhaber gerät die wachsende Gegenöffentlichkeit im Netz zu einem unkontrollierbaren Risiko. Schon einmal ist ein Bundespräsident zurückgetreten, weil ein Blogger eine Empörungswelle im Web ausgelöst hatte, die dann von den klassischen Medien wiederum dankbar aufgegriffen wurde.

Guttenberg, Koch-Mehrin und Co sind nicht über die Recherchen investigativer Journalisten gestolpert, sondern über Initiativen jener „People formerly known as the audience“. Die Medienvertreter geraten in Zugzwang, erkennen, dass sie ihre Exklusivrechte als Aufklärer eingebüßt haben. Jeder Laie mit einem Smartphone hat heute Zugang zu Quellen, die noch vor kurzem ausschließlich den Berufsjournalisten vorbehalten waren.

Wie weh dieser voranschreitende Bedeutungsverlust tut, lässt sich an Momenten wie jener Bundespressekonferenz ablesen, als die Herren Hauptstadtkorrespondenten regelrecht ausflippten, weil der Kanzlersprecher neuerdings twittert. Twitter? Da könne ja jeder einfach so mitlesen!

.

Auge um Auge

Politiker lassen die Gatekeeper links liegen und schießen ihre Botschaften direkt durch zum Publikum.. Über Jahrzehnte hinweg respektierte Verträge zwischen Politik und Medien werden aufgekündigt. Das Schmierentheater „Bild“ gegen „Bundespräsident“ – in Wahrheit ein Kampf zwischen Massenmedien und Politikern um die Gunst jener neuen, nicht länger nur zum Schweigen verdammten Öffentlichkeit.

Der Nimbus des Journalisten als allwissender Erklärer schwindet. Schlimmer noch: Die Berichterstatter selbst stehen neuerdings unter Beobachtung.. Im TV-Interview mit dem Bundespräsidenten letzte Woche gab es einen bemerkenswerten Moment. Wulff zeigt mit dem Finger auf die Journalisten und sagt, christlich-konservativ verpackt in einem. Bibelzitat: Auch Ihr seid nicht frei von Schuld!

“Also wir müssen alle hohe Ansprüche haben in dem Wissen, dass wir alle fehlbar sind. Und natürlich denkt man viel jetzt über die Bibelstelle nach: Derjenige, der ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.”

Als Wulff die ZDF-Studioleiterin zu ihrer unrühmlichen 150-Euro-Aussage nötigte, ging es nicht um Gratis-Urlaube; schon gar nicht um einen Hauskredit. Was Wulff getan hat, ist so dreist wie bemerkenswert. Eine Drohung vor einem Millionenpublikum, gerichtet an alle Journalisten, die ihn kritisieren: Wenn Ihr Euch nicht mehr an unsere Absprachen haltet, tue ich es in Zukunft auch nicht mehr! So passt es auch ins Bild, dass er dem Springer-Konzern damit gedroht haben soll, eine Pressekonferenz anzusetzen, in der er über die Machenschaften der Boulevard-Zeitung berichtet.

.

Die Doppelmoral der Moralprediger

Wulff weiß, wo er die Journalisten zu packen hat. Bei ihrer Eitelkeit. Die “embedded journalists” in den Parteizentralen lieben es, an den Fleischtöpfen und Büffets der Amtsträger mitzuessen. Korrespondenten mit direktem Zugang zu den Mächtigen, haben oft auch zuhause in der Redaktion den entscheidenden Karriere-Vorsprung.

Wie Trophäen dekorieren sie die Büros mit ihren Akkreditierungsausweisen. Auch ich habe das schon getan. Das Signal an die Kollegen: Seht her, wie wichtig ich bin! “Mein Weltwirtschaftsforum gegen Deinen Bundespresseball” – journalistischer Schwanzvergleich am Bande.

Nähe korrumpiert, genau so wie Geld. Wie selbstverständlich greifen wir Journalisten jeden Presserabatt ab, der sich uns bietet. Vom Handyvertrag über Computer oder auch Flugreisen; allein die Seite pressekonditionen.de hat nach Angaben des Betreibers rund 18.000 Abonnenten. Die größte deutsche Journalistenvereinigung, der Deutsche Journalisten-Verband, lockt ganz unverhohlen mit Vergünstigungen, die man als Mitglied bei unzähligen Firmen erhält. Schämen müsste man sich. Aber es tut keiner.

.

Hetzjagd der Medien

Die Medien machen in der Wulff-Affäre keine rühmliche Figur. Im Gegenteil: Die meisten Deutschen sehen in der Berichterstattung eine Hetzkampagne, eine irrationale Treibjagd von Leuten, die sich in ihrer Journalistenehre getroffen fühlen. Oder wie gestern ein guter Freund von mir (nicht aus der Medienbranche) formulierte:

“Den Wulff und alle Journalisten in einen Sack stecken und draufhauen!”

Wie kamen FAZ, Süddeutsche und Spiegel eigentlich an die Abschriften der Telefonate? Von wem ging die Initiative aus? Warum kommen die Indiskretionen nur (Salami-) scheibchenweise ans Licht? Da werden Informationen gezielt über Bande gespielt, um dann später, mit Verweis auf die anderen Quellen, daraus zu zitieren; in der Finanzwelt würde man einen solchen Vorgang wohl als Geldwäsche bezeichnen.

Urlaubsinterview ohne Urlaub  Foto: ZDF

.

Die Mär der Qualitätsmedien

Vertreter von ARD und ZDF gefallen sich in ihrer Rolle als das letzte Bollwerk, das den Qualitätsjournalismus in Deutschland noch hoch hält. Dabei übersieht man beflissentlich, dass auch die scheinbar kritischen Interviewer oft zu reinen Stichwortgebern verkommen. Da werden vor laufender Kamera ritualisierte Wortgefechte geführt, die nach ähnlichen Regeln ablaufen, wie beim US-amerikanischen Wrestling. Schläge, die für das Publikum brutal aussehen, in Wahrheit aber nicht wehtun.

Ein schönes Beispiel, wie Journalisten mit den Mächtigen gemeinsam die Realität verbiegen, erlebten wir letzten Sommer im ZDF. Dort hat Bettina-150-Euro-Schausten mit Christian Wulff (sic!) gleich ein komplettes Sommer-Interview gefaked. Um entspannte Urlaubsidylle vorzutäuschen wurde der Bundespräsident mal eben kurz per Diensthubschrauber nach Norderney eingeflogen. Ein Urlaubsinterview ohne Urlaub. Und der Zuschauer erfährt von solchen zwischen Journalisten und Politikern ausgehandelten Medieninszenierungen kein Sterbenswort.

.

Vorgespielte Transparenz

Spätestens seit dem Wahlerfolg der Piraten ist es ja auch in den deutschen Medien en Vogue, von Politikern mehr Transparenz zu fordern. Dabei lassen wir gerne außeracht, dass gerade wir Journalisten lernen müssen, transparenter zu werden. Und mit Transparenz ist gemeint: echte Transparenz, nicht etwa, Transparenz nur vorzuspielen, so wie es der Bundespräsident tut. Die Zeiten, in denen Mächtige und Meinungsmacher in den Hinterzimmern der Republik ungestört die Deutung der Welt aushandeln konnten, sind zu Ende. Was nicht heißen soll, dass es nicht auch in Zukunft politische Freundeskreise geben wird. Doch so wie es mal war, wird es nie wieder sein.

.

Epilog

In “Iden des März”  muss der junge Polit-Berater Stephen Meyers durch die Hölle gehen, um die schmutzigen Tricks und Intrigen der Politik zu lernen. Später wendet sich das Blatt. Der Kampagnenmanager wirft all seine moralischen Bedenken über Bord, steigt selbst zum Pressechef auf und lässt seine alte Bekannte, die Times-Journalistin, mit ihrer Bitte um ein Statement abblitzen. “Common, Stephen, aren’t we friends anymore?” fragt die Reporterin unterwürfig. Der Polit-Mann dreht sich um, blickt der Reporterin in die Augen, erwidert kühl: “You are the best friend I have.”

 

 

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Notwendige Felder sind mit * markiert.

72 Kommentare
  1. Bob Roberts schreibt:

    Sehr guter Artikel, Herr Gutjahr. Danke für die Mühe ! Ein kurzer Nachtrag zur Hetzjagd der Medien und den Behauptungen von Jörn Schönenborn. Die ARD Berichterstattung im Zuge der letzten Infratest Dimap Umfrage verdeutlich, wie mit Hilfe eines Strohmann Arguments eine Self-fulfilling prophecy ins Leben gerufen wird um den Täter Wulff als Opfer darzustellen. Außerdem enthält die Präsentation der letzten Umfrage eine Formulierung (“60 Prozent der Deutschen der Ansicht, er habe eine zweite Chance verdient”), die nirgends in der veröffentlichten Erhebung zu finden ist, aber von nahezu allen Medien verbreitet wurde.
    http://machtelite.wordpress.com/2012/01/06/ardinfratest-dimap-die-60-luge-von-der-zweiten-chance-fur-wulff/

    • Richard Gutjahr schreibt:

      @Bob Roberts – Danke für das Feedback. Interessanter Aspekt, von dem ich mir aber nicht vorstellen kann, dass er stimmen kann. Ich kenne Jörg Schönenborn als sehr akkuraten Analytiker. Dass er sich zu so einer Behauptung hinreißen lassen würde, ohne entsprechende Zahlen zu besitzen, kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Schon mal ne Mail geschrieben und ihn gefragt?

  2. Stephan Mahlow schreibt:

    Chapeau!