Ein verzauberter Morgen15. November 2012

Blackout in München: Eine Stunde kein Computer. Kein Kaffee. Ein Grund zur Panik – sollte man meinen. Das Gegenteil war der Fall.

Stromausfall in der Stadt – kein Wecker, der mich aus dem Schlaf reißt. Keine nervtötende Schleifmaschine drüben bei meinen Nachbarn, die seit einem gefühlten Jahrzehnt ihr Haus renovieren. Kein Anruf der Chefsekretärin, weil der Boss mich ganz! furchtbar!! dringend!!! sprechen muss (“Morgen, Herr Gutjahr! …ach, Sie hatten Spätschicht?”). Nein, dieser Moment ist ein ganz besonderer Moment; fast ein bisschen so, als sei die Zeit stehen geblieben. Ein verzauberter Morgen.

Entspannt wie selten schlurfe ich ins Arbeitszimmer. Der Monitor dunkel, der Computer schläft noch. Sachte schließe ich die Tür, ich will ihn nicht unnötig wecken. Kein Kaffee da? Klar, die Zeitschaltuhr ist aus dem Takt. Dann eben zum Bäcker. An der völlig überlaufenen Bushaltestelle spielen sich rührende Szenen ab: Autofahrer stoppen, um frierende Menschen mit in die Arbeit zu nehmen. Von sizilianischen Verhältnissen am Max-Weber-Platz berichtet ein SZ-Kollege: Autos, Laster, Radler und Fußgänger schlängeln sich virtuos über die Kreuzungen, weil die Ampeln ausgefallen sind.

Letzte Woche war ich noch an der Ostküste der USA unterwegs, wo nach Hurrikan Sandy immer noch Hunderttausende Haushalte ohne Elektrizität sind. Auch hier rückten die Menschen zusammen, um gemeinsam gegen Kälte, Dunkelheit und Einsamkeit anzukämpfen. Nachbarn teilten Kerzen, Decken und Gaskocher, organisierten Wärmestuben und öffentliche Handy-Ladestationen, die über mobile Stromgeneratoren betrieben wurden.

Anders als in Amerika hat es in München keinen Supersturm gegeben. Eine gewöhnliche Leitung soll durchgeschmort sein, heißt es. Einen vergleichbaren Stromausfall habe es in München zuletzt vor 20 Jahren gegeben. Ob wir im August einen Babyboom erleben? Zugegeben, der Strom war ja nicht ewig weg – vielleicht ein Babybümchen? Am späten Vormittag ist der Spuk vorüber. Via Twitter melden die Stadtwerke: “Die fehlerhafte Leitung ist isoliert – die Versorgung ist stabil.” Die Ampeln funktionieren wieder, der Verkehr fließt wie gewohnt, die Großstadt – zurück in ihrer Hektik und Anonymität.

Schade irgendwie.

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5 Kommentare
  1. Dominik schreibt:

    Der Computer schlief? Das ist bestimmt nur eine Ausrede. So oft, wie dein Twitter dich bei Starbucks meldet, arbeitest du doch bestimmt an einem Notebook. Mit starken Akkus. ;)

    Auf die Entschleunigung!

    Grüße, Dominik

    • Richard schreibt:

      Mein 27″-iMac braucht gelegentlich seinen Schönheitsschlaf!

  2. Frank Ritter schreibt:

    Hi,

    ich schätze das man erst in solchen Momenten erkennt wie abhängig man geworden ist.
    Was alles nicht mehr da ist bzw. Funktioniert wenn mal der Strom fehlt….

    Aber ich gebe zu, ich würde nahe vorm durchdrehen stehen ….
    keinen Kaffee, keine Mails zum Frühstück….. einzig die Ruhe, die Einkehrt wenn das Smartphone still steht, weil man es nicht laden kann, wäre zwar ungewohnt aber sicher auch mal ganz angenhem :-)