Die Geheimdienste außer Kontrolle, gewählte Regierungen untätig weil ohnmächtig. Heute wage ich den Angriff nach vorn, mache mich nackt bis auf die Knochen und noch weit darüber hinaus: DNA for NSA – mein Erbgut als Public Download. Der Gedanke: In einer Welt ohne Geheimnisse haben die Geheimdienste keine Macht mehr über mich.
big-genome

Vorwort

von Frank Schirrmacher

Richard Gutjahr hat seinen Code gekauft. Aber schon das stimmt nicht. Er hat seinen Code gleichzeitig gekauft und verkauft und sich diese Transaktion 99 Dollar Kosten lassen. Nicht nur bei Amazon sind wir, wie sich mittlerweile herumgesprochen hat, Kunde und Produkt zugleich. Nicht nur das Tracking des Surf-, Einkaufs- und Kommunikationsverhaltens über Tage oder Monate entschlüsselt unsere Identität, sondern auch das Reproduktionsverhalten und die Lebensführung all unserer Vorfahren.

Gutjahrs Erbgut liegt jetzt bei der Firma 23andMe genauso wie ein vollständig digitalisiertes Buch bei Google Books. Nur das Lesen ist im Augenblick allen außer Gutjahr verboten. Natürlich gehört der Code den Kaliforniern so wenig wie ihnen Goethes „Faust“ gehört. Umgekehrt aber hat Gutjahr etwas verkauft, was auch ihm nicht hundertprozentig – manche sagen: überhaupt nicht – gehört. Denn alle seine Vorfahren und Nachkommen und Geschwister und Blutsverwandten sind jetzt mit ihm Spiel.

Es ist wie bei einer email, die über CC versendet wird, und ganze Kommunikationsketten offenbart. Richard Gutjahr ist ein mobiles Gerät, dessen Daten in der Cloud hängen. Bisher lokalisierten wir die in dem Hilfsbegriff „Natur“. Jetzt hat sie eine Adresse, ein Geschäftsziel und ein Management. Richard Gutjahrs Experiment mit seiner „wetware“ ist ein Datum. Vergleichbar dem niemals bewusst gewordenen Moment, wo ein weitaus intelligenterer Nachfahre der Codes, die einst Los Alamos ermöglichten, Werbemärkte oder auch nur die Kaffeemaschine steuerte.

Am 20. Dezember 1961 taucht der Begriff „they cracked the code“ erstmals als ein Begriff nicht mehr nur der Geheimdienste oder der Informationstheorie auf sondern als Begriff der Text-Entschlüsselung des Menschen selber. Die New York Times berichtete, dass als Bruchstücke des genetischen Codes von Marshall Nirenberg und Heinrich Matthaei entschlüsselt worden waren als ein Ereignis, das Lily E. Kay in ihrem wunderbaren Buch „Who wrote the book of life?“ „eines der erstaunlichsten Ereignisse der modernen Wissenschaft“ nennt. Und nun, ein halbes Jahrhundert später, schreibt Richard Gutjahr auf seinen Einkaufszettel „DNA entschlüsseln“ und zahlt keine hundert Dollar.

Vor ein paar Jahren erzählte Eric Schmidt, dass er sich durchaus ein „Google für die DNA“ vorstellen könnte. Meine routinemäßigen Einwände konterte er mit der Bemerkung: „Ich werde das vielleicht nicht machen und Sie auch nicht, aber wenn es einem hilft, wird man es machen“. Incentives sind die wahren Wertewandler unserer Gesellschaft; Philosophie, Rechtswissenschaft und gar der Journalismus trotten hinterher. Ermäßigung bei der Krankenversicherung, wenn man Zähneputzen monitoren lässt, Rabatte bei der Kfz-Versicherung, wenn man sein Fahrverhalten rückmelden lässt, sind längst keine Neuigkeit mehr. Alle Bestandteile des quantified self unterliegen der Produktoptimierung, und durchaus, sonst wäre die Antwort ja leicht, nicht immer zum Nachteil. Der genetische Code ist Software und Roman in einem. Er erzählt was war und was womöglich droht. Von dort ist es nur noch ein Katzensprung zur Intervention.

Gutjahrs Code ist auf den Servern von 23andMe im Augenblick nur ein verstaubtes Buch des Lebens. Der nächste Schritt aber wird reproduzieren, was in Zeiten von E-Readern längst mit Romanen ganz anderer Art geschieht: wir werden den Text kommentieren, verändern und modernen Lesebedürfnissen anpassen. Das geht nur, wenn man ihn mit möglichst vielen anderen Codes vergleicht und das Echtzeit-Leben mit der genetischen Disposition ins Verhältnis setzt: Können wir Rückschlüsse aus dem gelebten Leben eines Menschen auf das Ausbrechen einer Alzheimer-Disposition ziehen? Wie bewegte, ernährte, dachte X mit der genetischen Disposition Y im Vergleich zu Z, der die gleiche Disposition aufweist. Das biologische Buch des Lebens wird mit dem digitalen Leben verschmelzen und einen neuen Text schreiben.

An der Zuverlässigkeit dieser Prognose kann nach Lage der Dinge kein Zweifel bestehen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Das neunzehnte Jahrhundert hat neben vielem anderen das Entstehen der großen Grammatiken der menschlichen Sprache gesehen und schon bald stellte sich heraus, wie sehr sie konstitutiv für das waren, was man Identität nannte: eine grammatische Fiktion, die einfach darauf zurückzuführen war, dass man Sätze mit Subjekt, Prädikat und Objekt bildete. Das Glasperlenspiel von einst ist jetzt materielle Wirklichkeit geworden. Wer entschlüsselt, liest und bestimmt die Grammatik, nach der wir leben? Wer erzählt uns und unser Leben? Was denkt ein Algorithmus der NSA über mich und wie liest mich Facebook? Darf man illiterat bleiben, angesichts seiner eigenen genetischen Disposition, wenn man damit rechnen muss, dass andere sie kennen und auswerten, wie sie das heute in nie dagewesener Totalität mit der Kommunikation tun?

Man kann nicht bestreiten, dass diese Fragen erregend sind, nicht nur bedrückend. Aber nur dann, wenn es gelingt, Autor des eigenen Lebens zu bleiben. Wie das geht, das zeigt Richard Gutjahrs Experiment.

genomestring

Richard Gutjahrs DNA-Daten* als kostenloser Download ( CC BY-NC-ND 3.0 )

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CC BY NC ND

* Da die DNA bei allen Menschen zu 99,9 Prozent identisch ist, handelt es sich bei den hier publizierten Daten nicht um eine Komplett-Analyse, sondern lediglich um die   wesentlichen Bereiche, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausfallen.

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15 Kommentare
  1. […] Hier können Sie sich mein Erbgut kostenlos runterladen: Gutjahrs Code – Das G-nome Projekt […]

  2. […] Erklärung dieser bemerkenswerten Aktion schreibt Gutjahr: […]

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