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Das Hauptquartier in New York – zum Vergrößern anklicken

 

Gamification over

4sq-checkinFoursquare ist für mich ein großartiges Lehrbeispiel für alles, was man in der Digitalen Welt richtig machen und dann komplett versemmeln kann. Als hätte man jahrelang liebevoll an einem Rennauto gebastelt, um dann kurz vor dem großen Rennen den Motor auszubauen und die leere Karosserie einen Abhang hinunterzustoßen. Aber der Reihe nach.

Anfangs war Foursquare für mich überwiegend ein Spiel. Ich liebte es, mich mit meinen Web-Freunden um Mayorships zu battlen oder mit möglichst exotischen Check-in-Orten bei Twitter zu posen. Albern? – Mehr Respekt, liebe Leser! Immerhin habt Ihr es hier zu tun mit dem ehemaligen Bürgermeister der Starbucks-Filiale in München Schwabing, der Klagemauer in Jerusalem und des NSA-Datencenters in Utah!

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Ätsch-Badge!

Und dann die Badges: Virtuelle Sammelabzeichen, die man sich verdienen konnte, wenn man an besonderen Orten oder zu einem bestimmten Zeitpunkt eingecheckt hatte. Doof? Und wie! Und gleichzeitig unglaublich charming. Allein die Bezeichungen: Jetsettter für Leute, die oft an Airports einchecken. Super (Duper) Swarm für Leute, die gerne bei großen Events vorbeischauen. Oder auch nur das Oh Tannenbaum!-Badge für einen Checkin zu Weihnachten.

Ehren-Mayorship für New Yorks ehem. Bürgermeister Bloomberg

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Spaß gegen Daten

Mit diesen simplen wie auch genialen Spielchen ist Foursquare etwas gelungen, woran andere, weitaus mächtigere Konkurrenten, gescheitert sind: das legale Einsammeln ortsbasierter Nutzerdaten.

Wenn ich heute auf meine Foursquare-History blicke, bin ich baff: Tausende Orte, Fotos, Kommentare und Verbindungen zu anderen Nutzern. Daten, die ich keinem Geheimdienst gegeben hätte. Foursquare habe ich sie freiwillig abgetreten. Gerne sogar.

Denn wie überall, wenn es um sensible Daten geht, läuft es am Ende auf die immer gleiche Frage hinaus: Überwiegt der empfundene Nutzen eines Services die Bedenken, nämlich den potentiellen Missbrauch meiner Daten? Im Falle von Foursquare haben das bislang rund 50 Millionen User mit „Ja“ beantwortet.

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Swarm-Offensive

Foursquare bot, über die reine Spielerei hinaus, einen handfesten, praktischen Nutzen: Wenn man in eine neue Stadt kam, präsentierte Foursquare beliebte Locations, man bekam Restaurant-Tipps oder konnte sehen, wer sonst noch gerade in der Nähe war, um sich evtl. spontan zu verabreden.

Dieser Mix aus Spiel und Information war für mich perfekt und machte Foursquare zu einer meiner Lieblingsapps, ganz vorne auf dem Startmenü meines iPhones.

Dann kam Swarm. Und ich verstand die Welt nicht mehr. Entgegen meinem ersten Impuls hielt ich mich zurück, mir meinen Frust von der Seele zu bloggen. Schließlich wollte ich der App eine Chance geben, und sie durch längeres Testen im Alltag kennen und vielleicht sogar verstehen lernen.

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Friedhof der Bürgermeister

Es kam genau umgekehrt. Je länger ich Swarm nutzte, um so ärgerlicher wurde ich. Design, Funktionalität und Mehrwert ergaben immer weniger Sinn. Auch der Gamification-Ansatz bleibt ein Rätsel: Mehrere Bürgermeister für ein und denselben Ort? Schauderhaft gestaltete Mini-Sticker, die man sich auf unerklärliche Art und Weise verdienen und auf das Bienenwabenförmige Konterfei kleben kann?

Über dreiviertel aller Nutzer seien bereits auf Swarm, freut sich das Unternehmen in einem Newsletter. Kein Wunder, werden doch neuerdings auch die US-Nutzer dazu genötigt, die Swarm-App zu installieren, um sich weiterhin bei Foursquare einchecken zu können.

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App ohne Seele

Seit dieser Woche gibt es also ein neues Logo und das vage Versprechen einer neuen App, die bald noch bessere, auf die Vorlieben des Nutzers maßgeschneiderte Restaurant-Tipps etc. liefern soll. Also ungefähr das, was Dutzende andere Apps wie Yelp oder Urbanspoon schon seit Jahren bieten.

Ohne die neue App zu kennen, bin ich skeptisch, dass das Konzept „aus 1 mach 2“ am Ende aufgeht. Die beiden Apps in ihrer aktuellen Version sind nichts Halbes und nichts Ganzes. Die entkernte Foursquare-App – ein Zombie ohne Seele. Swarm – ein Friedhof der Bürgermeister.

Zu experimentieren wird in der Start-up-Szene ja groß geschrieben. Genau wie das Motto: „Fail faster!“. Sollte auch die neue App enttäuschen, hätte Foursquare demnach alles richtig gemacht. Nur in der falschen Reihenfolge.

 

Eure Meinung? Welche alternative Location-Apps nutzt Ihr?

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41 Kommentare
  1. Ugo Arangino schreibt:

    Ich glaube, du hast nicht nur dir sondern (fast) allen (vielleicht ehemaligen) Foursquare Nutzern den Frust von der Seele geredet.
    Danke!

    • Richard schreibt:

      Die neue App schaue ich mir noch an – wenn die genau so schlimm ist, werde ich Swarm und FS deinstallieren.

  2. Justin Nath schreibt:

    Ich habe es geliebt, mit Foursquare in exotischen Orten einzuchecken (auch ich hatte mal bei der Klagemauer vorbeigeschaut) und davon sogar Statistiken angelegt. Es ist fabelhaft, seine Reise mit minutengenauen Checkins nachempfinden zu können und diese Daten auch in Präsentationen verwenden zu können! Ist? War.

    Die Swarm-App hat foursquare tatsächlich verkümmern lassen, zumindest für seine Nutzer außerhalb der USA. Swarm erlaubt es einem, mit seinen lokalen Freunden Verabredungen zu treffen, ein Konzept welches – wenn überhaupt – nur in Großstädten aufgehen kann.
    Der NSA Skandal hat mich wachgerüttelt. Nun hat sich foursquare für mich in nicht viel mehr als eine Datensammelmaschine verwandelt, obwohl es mir einst viel Freude bereitete. Die App hat keinen Reiz mehr. Tschüss, foursquare.

    • Richard schreibt:

      Ist es nicht erstaunlich, wie viel wir bereit sind von uns preiszugeben, wenn der Gegenwert (hier: Spaßfaktor) stimmt? Am Ende müssen wir 4Sq auch noch dankbar sein, dass sie ihre App selbst beerdigt haben ;-)

Willkommen!