Der Brexit war nur der Anfang. Ein tiefer Graben zieht sich quer durch die Gesellschaft. Ein Rückfall ins geistige Mittelalter, der auch viel zu tun hat mit dem Internet und unserer Unfähigkeit, damit umzugehen.

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Die EU – gemeinsam einsam

Spätestens seit der Euro-Krise, dem menschenunwürdigen Geschachere rund um das Flüchtlingsdrama, ist klar: Die sog. Europäische „Union“ ist mehr Schein, als Sein. Wenn es zum Schwur kommt, fallen wir zurück in eine Ansammlung nationalstaatlicher Neanderthaler. Jeder Stamm ist sich selbst am nächsten. 27 Mitglieder. Gemeinsam einsam.

Der Rückfall ins Mittelalter hat viel zu tun mit dem Internet

So bizarr es klingt: Dieser Rückfall ins Mittelalter hat viel zu tun mit dem Internet. Genau wie der Buchdruck einst die Reformation einläutete, so erleben wir mit der digitalen Vernetzung eine tiefe Erschütterung der Macht.

Der verstorbene Psychologe und Netzwerk-Spezialist Prof. Dr. Peter Kruse prognostizierte vor Jahren: Die Macht verlagert sich vom Anbieter zum Nachfrager. Auf unsere Demokratie übertragen: Der Wähler ist nicht länger darauf beschränkt, nur alle vier Jahre geheim hinter einem Vorhang ein Kreuz machen zu dürfen.

 

 

Wer am lautesten schreit, gewinnt

Dank Twitter, Facebook und YouTube verfügen die Menschen heute über ein Megafon. Und angesichts von Hatespeech und Phänomenen wie Pegida oder der AfD scheint es: Wer die einfachsten Lösungen präsentiert und dabei am lautesten schreit, gewinnt.

Unsere politische Elite reagiert, wie zu erwarten war: falsch

Unsere politische Elite reagiert, wie zu erwarten war: falsch. Statt die Vernetzung als Chance zu begreifen, Politik besser zu erklären, offen zu sein für einen echten Austausch von Argumenten: Stopp-Schilder. Netzsperren. Störerhaftung. Das waren die ersten Antworten aus Berlin auf die Digitalisierung. Allein die Begriffe sagen schon alles.

Und wir Medien haben mitgemacht. Statt die Rückkanäle zu nutzen, haben wir uns in unseren Elfenbein-Sendetürmen und Verlagspalästen verschanzt. Dass wir plötzlich nicht mehr die alleinigen Gatekeeper und Sinnstifter sind, schmerzt viele Kollegen noch heute. Blogs werden verspottet, Soziale Netzwerke gelten als Teufelszeug oder bestenfalls als Promotion-Kanäle für die eigenen ach-so-wertvollen Inhalte.

 

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Soziale Netzwerke lösen Zeitungen als wichtigste Nachrichtenquelle ab – Quelle: Holger Schmidt / netzoekonom.de

 

Durchregieren geht nicht mehr

Das Regieren („Bild, BamS und Glotze“), das Informieren, einen Konzern zu lenken, ist anstrengender geworden. Oft ist die Rede vom Digital Divide, dem digitalen Graben, der unsere Gesellschaft spaltet. Er spaltet aber eben auch die Politik, die Medien und die Wirtschaft. Seit heute Morgen klafft dieser Graben offener denn je.

Der digitale Graben, der unsere Gesellschaft spaltet, ist tiefer denn je

Auffällig dabei die Demographie: Die jungen Briten stimmten überwiegend für den Verbleib in der EU, die Alten für die Abschottung. Das erinnert an den britischen Autor Douglas Adams, der die Technologie-Feindlichkeit unserer Gesellschaft wie folgt erklärte:

 

„Alles, was es schon gibt, wenn du auf die Welt kommst, ist normal und üblich und gehört zum selbstverständlichen Funktionieren der Welt dazu. Alles, was zwischen deinem 15. und 35. Lebensjahr erfunden wird, ist neu, aufregend und revolutionär und kann dir vielleicht zu einer beruflichen Laufbahn verhelfen. Alles, was nach deinem 35. Lebensjahr erfunden wird, richtet sich gegen die natürliche Ordnung der Dinge.“

 

Als Journalist und EU-Fan ziehe ich folgende Lehre aus dem Brexit-Votum: Ob Spitzenpolitiker oder Leitartikler; wir alle haben den Schritt ins Digitalzeitalter noch nicht vollzogen. Wir sind noch immer dabei, das Volk zu belehren und zu bevormunden, ohne uns die Mühe zu machen, die neue Kulturtechniken zu erlernen, die man benötigt, um durchaus erreichbare Menschen mit Informationen zu erreichen.

Butterfahrten durchs Silicon Valley reichen nicht, um in der neuen Welt zu bestehen

Die Digitalisierung der Gesellschaft vollzieht sich in einem atemberaubenden Tempo und sie schneidet viel tiefer in unser Leben, als wir das jemals vermutet hätten. Wir reden viel, machen wenig und fröhnen allesamt den üblichen Cargo-Kulten („Die Umsätze gehen zurück?“ – „Lasst uns ein neues Logo machen“). Ein iPad zu Weihnachten und Butterfahrten durch das Silicon Valley reichen aber nicht, um in dieser neuen digitalen Welt zu bestehen.

 

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Unsere Elite ist noch nicht im Netz angekommen / Quelle: Holger Schmidt – Netzoekonom.de

 

Ein politisches Vakuum

Das Netz hat den Menschen gezeigt, dass die Welt größer und komplexer ist, als das, was sie bislang nur aus Tageszeitung oder Tagesschau kannten.

Die Extremisten wissen, das Vertrauens-Vakuum für sich zu nutzen

Die Verunsicherung ist groß. Und die Extremisten wissen, dieses Vertrauens-Vakuum für sich zu nutzen. Mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen machen sie sich auf allen Plattformen breit. Allein auf Facebook hat die AfD bald mehr Anhänger als CDU, CSU und SPD zusammen.

Polen, Türkei, Ungarn, Österreich, Großbritannien – die Nationalisten sind auf dem Vormarsch. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn in Frankreich oder Deutschland über die EU-Mitgliedschaft abgestimmt werden würde. Oder den Euro. Ist die Demokratie am Ende? Kann man dem Volk noch trauen?

 

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Die Briten informieren sich über die Folgen eines Brexit nach Schließung der Wahllokale / Quelle: t3n.de

 

Mit großer Macht erwächst große Verantwortung – auch für die Bürger. Nur: Wie können wir von der Bevölkerung verlangen, klug und souverän mit den mächtigen Möglichkeiten der digitalen Welt umzugehen, wenn uns das noch nicht einmal selbst gelingt als Volksvertreter, Medienmacher oder Top-Manager mit all unseren Ressourcen?

Im Herbst wählen die US-Amerikaner ihren neuen Präsidenten. Wir sollten vorsichtig sein mit unseren Prognosen, Analysen und gutgemeinten Ratschlägen. Stattdessen sollten wir schleunigst zusehen, dass wir anfangen, unsere Hausaufgaben zu machen. Wir müssen die neuen Kulturtechniken einer vernetzten Gesellschaft schneller lernen, als dass das die Populisten, die Demagogen und Demokratiefeinde tun. Für mich bedeutet das Brexit-Votum vor allem eines: Die Schlacht ums Neuland hat gerade erst begonnen.

 

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19 Kommentare
  1. Tom schreibt:

    Da kann ich größtenteils zustimmen. Andererseits wird die Argumentation hinfällig wenn man sich vor Augen führt, dass die so hochgelobten Social Networks größtenteils von Asozialen besiedelt werden: Werbetreibende und laute Vollhonks.

  2. IPKlaus schreibt:

    Selbstkritik ist der erste Schritt zur Besserung !
    Allerdings denke ich, dass die wenigsten der aktuellen Politiker in der Lage sind ihre Einstellung zu den genannten Anforderungen des Neulandes zu überdenken.
    Bisher jedenfalls war ein „falsches“ Wahlergebnis nur ein Grund besser zu informieren – ähnlich wie es in diesem Artikel beschrieben ist. Die politischen Eliten, die sich selbst ein hohes Einkommen zuschanzen um die Besten für die Arbeit zu finden und zu halten und sich selbst damit meinen, werden sicher nicht ihre bisherigen Überzeugungen einfach über Bord werfen.
    Nein, die Briten und die anderen Befürworter des Brexits müssen jetzt hart angefasst werden um klar zu machen, dass dies ein falscher Weg ist. Begleitend dazu wird von Reformen geredet, Kompromisse vorgeschlagen und sich gegenseitig Mut zugesprochen.

    Wenn ich die Berichterstattung der letzten Woche und die wirtschaftlichen Erwartungen von Managern anhand der Börsenkurse betrachte komme ich zu der Ansicht, dass der vollzogene Austritt der Britten nur ein Anfang sein kann.
    Ich überlege schon seit langem warum Populisten was schlechtes sein sollen wenn sie eine Mehrheit der Bürger hinter sich haben. Rechte sowie Linke Politiker haben – sofern sie keine Extremisten sind – ebenfalls Lösungsansätze, die diskutiert werden müssen.
    Mal sehen wie die Griechenlandkrise behandelt wird wenn es bald eine neue Politik geben wird und die wird zur Zeit ja von vielen gefordert. Oder war damit nur die Politik gemeint die mit den Britten zu tun hat?
    Warten wir ab – und das mit voller Geschwindigkeit…..

Willkommen!