Der Brexit war nur der Anfang. Ein tiefer Graben beginnt sich quer durch die Gesellschaft zu ziehen. Ein Rückfall in voraufklärerische Zeiten, der auch viel zu tun hat mit dem Internet und unserer Unfähigkeit, damit umzugehen. 

Spätestens seit der Euro-Krise und dem menschenunwürdigen Geschachere rund um das Flüchtlingsdrama ist klar: Die sogenannte Europäische „Union“ ist mehr Schein als Sein. Wenn’s zum Schwur kommt, fallen wir zurück in eine Ansammlung nationalstaatlicher Neandertaler: Jede Gruppe ist sich selbst am nächsten. 27 Mitglieder. Gemeinsam einsam.

So bizarr es klingen mag: Dieser Rückfall in voraufklärerische Zeiten hat viel zu tun mit dem Internet. So wie einst der Buchdruck durch die Möglichkeit, Schriften zu verbreiten, die Reformation einläutete, so erleben wir infolge der digitalen Vernetzung eine tiefe Erschütterung der Macht.

Bereits vor einigen Jahren prognostizierte der Psychologe, Netzwerkforscher, Unternehmer und Visionär Peter Kruse (1955–2015): Die Macht werde sich vom Anbieter zum Nachfrager verlagern. Auf unsere Demokratie übertragen heißt das: Der Gestaltungsraum des Wählers ist nicht länger darauf beschränkt, nur alle vier Jahre geheim hinter einem Vorhang ein Kreuz machen zu dürfen.

Dank Twitter, Facebook und YouTube verfügen die Menschen heute über ein Megafon. Und angesichts von Hate Speech und Bewegungen wie Pegida oder der AfD scheint es: Wer die einfachsten Lösungen präsentiert und dabei am lautesten schreit, gewinnt.

Unsere politische Elite reagiert, wie zu erwarten war: falsch. Statt die Vernetzung als Chance zu begreifen, Politik besser zu erklären, offen zu sein für einen echten Austausch von Argumenten: Stoppschilder. Netzsperren. Störerhaftung. Das waren die ersten Antworten aus Berlin auf die Digitalisierung – allein diese Begriffe sagen schon alles.

Das Regieren (»Dazu brauche ich nur ›Bild‹, ›BamS‹ und Glotze«, merkte Bundeskanzler Gerhard Schröder seinerzeit an), das Informieren, einen Konzern zu lenken – all das ist heute anstrengender geworden. Häufig ist inzwischen die Rede vom »Digital Divide«, der digitalen Polarisierung: einem Graben, der unsere Gesellschaft spaltet. Er spaltet auch die Politik, die Medien und die Wirtschaft. Seit dem überraschenden Wahlsieg von Donald Trump klafft dieser Graben offener denn je.

Aus dem Trump-Triumph und dem Brexit-Votum ziehe ich als Journalist, US- und EU-Fan folgende Lehre: Ob Spitzenpolitiker oder Leitartikler – wir alle haben den Schritt ins Digitalzeitalter noch nicht vollzogen. Wir sind noch immer dabei, das Volk zu belehren und zu bevormunden. Und bemühen uns nicht, die neue Kulturtechniken zu erlernen, die man benötigt, um durchaus erreichbare Menschen mit weiterführenden Informationen zu erreichen.

Dabei vollzieht sich die Digitalisierung der Gesellschaft in einem atemberaubenden Tempo. Und sie schneidet tiefer in unser Leben ein, als wir das jemals vermutet hätten. Wir reden viel, handeln nicht an den entscheidenden Schnittstellen und frönen statt dessen allesamt den üblichen Cargo-Kulten, symbolischen Ersatzhandlungen (»Die Umsätze gehen zurück?« – »Lasst uns ein neues Logo machen!«). 

Ein iPad zu Weihnachten und Butterfahrten durch das Silicon Valley reichen aber nicht, um in dieser neuen digitalen Welt zu bestehen.

Das Netz hat den Menschen gezeigt, dass die Welt größer und komplexer ist als all das, was sie bislang nur aus Tageszeitung oder »Tagesschau« kannten. Die Verunsicherung ist groß. Und Extremisten wissen dieses Vertrauens-Vakuum für sich zu nutzen. Mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen machen sie sich auf allen Plattformen breit. Allein auf Facebook hat die AfD bald mehr Anhänger als CDU, CSU und SPD zusammen.

In Polen, in der Türkei, in Ungarn, Österreich und Großbritannien – die Nationalisten sind auf dem Vormarsch. Nicht auszudenken, was passieren könnte, würde in Frankreich oder Deutschland über die EU-Mitgliedschaft abgestimmt werden. Oder über den Euro. 

Ist die Demokratie am Ende? Kann man dem Volk noch trauen?

Aus der Erlangung großer Macht erwächst große Verantwortung – jetzt eben auch für die Bürger. Nur: Wie können wir von den Menschen verlangen, klug und souverän mit den mächtigen Möglichkeiten der digitalen Welt umzugehen, wenn das noch nicht mal Volksvertretern, Medienmachern oder Konzernlenkern gelingt?

Im Herbst wird in den USA gewählt. Wir sollten vorsichtig sein mit unseren Prognosen, Analysen und gut gemeinten Ratschlägen. Stattdessen sollten wir schleunigst anfangen, unsere Hausaufgaben zu machen. Wir müssen die neuen Kulturtechniken einer vernetzten Gesellschaft schneller lernen als die Populisten, die Demagogen und Demokratiefeinde. Für mich bedeutet das Brexit-Votum vor allem eins: Die Schlacht ums Neuland hat gerade erst begonnen.

 

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19 Kommentare
  1. Tom schreibt:

    Da kann ich größtenteils zustimmen. Andererseits wird die Argumentation hinfällig wenn man sich vor Augen führt, dass die so hochgelobten Social Networks größtenteils von Asozialen besiedelt werden: Werbetreibende und laute Vollhonks.

  2. IPKlaus schreibt:

    Selbstkritik ist der erste Schritt zur Besserung !
    Allerdings denke ich, dass die wenigsten der aktuellen Politiker in der Lage sind ihre Einstellung zu den genannten Anforderungen des Neulandes zu überdenken.
    Bisher jedenfalls war ein „falsches“ Wahlergebnis nur ein Grund besser zu informieren – ähnlich wie es in diesem Artikel beschrieben ist. Die politischen Eliten, die sich selbst ein hohes Einkommen zuschanzen um die Besten für die Arbeit zu finden und zu halten und sich selbst damit meinen, werden sicher nicht ihre bisherigen Überzeugungen einfach über Bord werfen.
    Nein, die Briten und die anderen Befürworter des Brexits müssen jetzt hart angefasst werden um klar zu machen, dass dies ein falscher Weg ist. Begleitend dazu wird von Reformen geredet, Kompromisse vorgeschlagen und sich gegenseitig Mut zugesprochen.

    Wenn ich die Berichterstattung der letzten Woche und die wirtschaftlichen Erwartungen von Managern anhand der Börsenkurse betrachte komme ich zu der Ansicht, dass der vollzogene Austritt der Britten nur ein Anfang sein kann.
    Ich überlege schon seit langem warum Populisten was schlechtes sein sollen wenn sie eine Mehrheit der Bürger hinter sich haben. Rechte sowie Linke Politiker haben – sofern sie keine Extremisten sind – ebenfalls Lösungsansätze, die diskutiert werden müssen.
    Mal sehen wie die Griechenlandkrise behandelt wird wenn es bald eine neue Politik geben wird und die wird zur Zeit ja von vielen gefordert. Oder war damit nur die Politik gemeint die mit den Britten zu tun hat?
    Warten wir ab – und das mit voller Geschwindigkeit…..

Willkommen!