State Of The Digital Union27. Januar 2011

US-Präsident Obama hat diese Woche seine Rede zur Lage der Nation gehalten. Darin feierte er die USA als Land der Innovation. „Wir sind die Nation (…) von Google und Facebook“. In diesem Moment musste ich zwangsläufig an Angela Merkel denken.

Barack Obama State of The Union Address 2011

Was würde die Kanzlerin wohl aktuell über Deutschland sagen: Wir sind das Land von Stoppschildern und Digitalen Radiergummis? Ein Land, das vor 100 Jahren mit dem Automobil einmal einen Mega-Treffer gelandet hat – seitdem aber nichts mehr wirklich Weltbewegendes hervorbrachte? Zugegeben, wir leisten solide Arbeit auf vielerlei Gebieten. Aber so richtig rocken tun wir nicht mehr. Wissenschaftler und Computerspezialisten suchen ihr Glück woanders. Kein Wunder: Polit-Elite und Duz-Freunde aus der Finanz- und Großindustrie verteidigen ihre Pfründe, werden nicht müde, vor den Gefahren des Internet zu warnen: das Web als Kinderstube von potentiellen Amokläufern, Sexualstraftätern und Datenkraken. In Anspielung auf unsere Netzparanoia konnte sich der Google-CEO Eric Schmidt auf der Münchner DLD-Konferenz die Spitze nicht verkneifen: „Es ist schon erstaunlich, man lässt Menschen Autos fahren. Diese Dinger sind gefährlich!“

Angela Merkel Neujahrsansprache 2011

Dabei steht das ganz große Beben noch bevor. Wenn Deutschland gestern war und Amerika heute – was erwartet uns dann wohl morgen? Im Fernen Osten laufen sich die Chinesen warm. „Wenn die kommen“, warnt Eric Schmidt, „dann überfluten sie die Computerwelt mit Talent und Ideen“. Er freue sich drauf, verkündet der Manager vor versammeltem Publikum grinsend, und verkauft schon mal, vor lauter Freude, seine Google-Aktien. Barack Obama spricht vom „Sputnik-Schub“, der seine Landsleute zu neuen Höchstleistungen animieren soll. Doch von einem Schub ist auch in Amerika wenig zu spüren. Genauso wie in Deutschland, wo die Menschen noch immer an den Bahnsteigen der Republik stehen und auf den Ruck warten, der durchs Land gehen sollte.

Roman Herzog Berliner Rede (“Ruck-Rede”), 1997

Machen wir uns nichts vor: der Ruck, der nun schon 14 Jahre auf sich warten lässt, wird nicht mehr kommen. Wir Deutsche sind zu satt geworden, zu unflexibel, scheuen das Risiko. Möge es mit der Wirtschaft gerade mal wieder aufwärts gehen; beim Weltwirtschaftsforum in Davos diskutieren westliche Top-Manager, ob sie ihre Kinder Hindi oder doch lieber Mandarin als erste Fremdsprache lernen lassen sollen. Das ist der Grund, warum ich es aufgegeben habe, auf Politik oder Institutionen zu vertrauen, suche mein Glück lieber im Netz.

Papst Benedikt XVI “Wahrheit… im digitalen Zeitalter”,. Januar 2011

Das Internet ist nicht die Antwort, aber es ist ein fantastisches Werkzeug, um seinem individuellen Ziel ein Stückchen näher zu kommen. Wer unter 50 ist und nicht wie Eric Schmidt auf 534 000 Google-Aktien sitzt, dem kann ich nur raten: nehmt das Lenkrad selbst in die Hand und geht ins Netz! Bloggt, twittert, postet was das Zeug hält und macht Euch mit den Verkehrsregeln vertraut. Macht Fehler! Nur so lernt man. An alle anderen: versucht nicht, uns aufzuhalten. Dafür ist es ohnehin schon zu spät.

Steve Jobs Commencement Speech, Stanford 2005

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15 Kommentare
  1. Detlef Hauke schreibt:

    Sehr guter Beitrag, der es auf den Punkt bringt:“Deutsche sind zu satt!“.
    Nur an einer Stelle möchte ich einen Schritt weitergehen. Auch wer >= 50 ist, sollte mitmachen.

  2. Andreas Schneider schreibt:

    Klasse Post der Mut macht – zwischen digitalem Vergessen und anderem Unfug der so gar nicht mehr in unsere Welt passt.

    Manchmal kommt es einem so vor, als hätte die Bundesregierung das Internet erst 2010 irgendwo in einem Flyer entdeckt.
    Ich hoffe das wir – die Netzgemeinde – auch 2011 stärker werden und evtl. den Mief der vergangenen Jahre langsam aber sicher hinter uns lassen und aus dem Land pusten. Ja, vielleicht ist dies ein Wunschdenken – und ja ich wünsche es mir. Sollte es bis 2012 nicht besser werden und wir weitere digitale Radiergummis und Briefmarken präsentiert bekommen – denke ich ernsthaft darüber nach, das Land endgültig mit meiner Familie zu verlassen – und das sehe ich nicht als Kopf in den Sand stecken, sondern als logische Schlussfolgerung aus einer für mich unfassbaren Inkompetenz in der Netzpolitik und anderen Bereichen.