Brave New World: Social Scoring23. März 2012

In einer nicht allzu fernen Zukunft entscheidet Social-Scoring darüber, wie schnell man einen Termin beim Arzt kriegt, ob wir Business- oder Holzklasse fliegen dürfen.

Heute melde ich mich mal wieder aus der Zukunft, genauer gesagt aus dem Jahr 2042. Nein, unsere Autos können immer noch nicht fliegen, dafür laufen sie jetzt mit Bubble-Tea und Frittier-Fett. Tankstellen sind nach und nach ersetzt worden durch McDrives. Zu jeder Tankfüllung gibt es wahlweise ein Happy-Meal-Spielzeug oder eine Apfeltasche extra.

An die Stelle des Euros, der 2020 nach dem von Ministerpräsident Söder maßgeblich forcierten Austritts Bayerns aus der EU endgültig zusammengebrochen war, ist als Weltwährung der sog. „Facebook-Like“ getreten. 100 FLs (oder auch GMs „Gefällt Mirs“) entsprechen einem früheren Euro. Wer beispielsweise sein Gehalt aufbessern will, „liked“ kategorisch alle Facebook-Einträge seines Chefs, was vielen meiner Kollegen schon früh die Bezeichnung „Assliker“ bzw. „Arschklicker“ einbrachte.

Wenn Daten das Erdöl des 21. Jahrhunderts sind, so sind Sympathiewerte das Schmierfett. Die Anzahl unserer Freunde und Follower bei Facebook, Twitter & Co ergeben einen Influencer-Scoring-Wert, der darüber entscheidet, wie schnell man beim plastischen Chirurgen einen Termin bekommt oder ob wir im Raumschiff zum Space-Hotel Business- oder Holzklasse fliegen dürfen. Offiziell hat die Regierung unter Bundeskanzlerin Marina Weisband (Piraten-Partei) die sogenannte „Scoring-Diskriminierung“ für illegal erklärt, aber kaum einer hält sich dran, sind es doch gerade die Politiker, die sich durch geschicktes Scoring ihre Wiederwahl sichern.

Diese Machtverschiebung weg vom Großkapital hin zu virtuellen Werten trägt bisweilen merkwürdige Blüten. So berichtet Alt-98’er Sascha Lobo in diversen YouTube-Talkshows davon, wie es kam, dass seine Lebensabschnittsgefährtin Veronica Ferres ihrem Carsten einst den Laufpass gab, als sie erfuhr, dass Maschmeyer zwar jede Menge Schampus-Freunde in Hannover hat, im Web aber eine Niete ist.

Was ich Ihnen, liebe Blog-Leser des Jahres 2012, mit auf den Weg in die Zukunft geben will, ist folgendes: Pflegen Sie Ihre Freundschaften, im Netz wie auch sonst wo. Im Leben begegnet man sich immer zweimal. Bei Facebook rund um die Uhr.

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7 Kommentare
  1. Christian schreibt:

    Das Leben besteht aus vielen Zimmern. Die Menschen, denen wir darin begegnen, machen uns glücklich oder traurig-aber sie bringen uns weiter.Facebook ist noch nicht mal ein echtes Zimmer, sondern ein virtuelles Spielezimmer, wo wir alle Rechte und Daten abtreten – vor allem aber unsere Lebenszeit vergeuden.Bei aller Grandiosität & Ironie Deines Artikels (habe sehr gelacht) hoffe und wünsche ich mir, dass eher die realen Kontakte gehegt und geplegt werden im Jahr 2042.Wenn der einzige Wert des Lebens aus dem Scoring gesammelter Facebook Freunde und likes besteht, stelle ich mir das Leben an sich echt einsam vor.Aber Du kommst ja aus der Zukunft und hast es gesehen…ist da noch was zu machen? Bitte lieber,zeitreisender Gutjahr: Go back to the future und ändere da nochmal etwas dran :-) Liebe Grüße, Christian / Freizeitcafe

  2. Mic Meissner schreibt:

    Nachdenklich stimmender, stimmiger Artikel. Ich denke wir müssen uns wieder auf die reale Welt in der Zukunft beschränken. D.h. die Freunde aus dem realen Leben auch auf Facebook pflegen, wie im richtigen Leben. Dann macht das Web auch Spaß.