Eingebettet zwischen Wasatch und den Oquirrh Mountains von Utah befindet sich das militärisch abgeschirmte Daten-Center der NSA. Hier sollen Merkels Telefonate gespeichert sein, genau wie unser gesamter E-Mail-Verkehr, GPS-Koordinaten, Google-Suchanfragen sowie Facebook-Chats. Weil ich gerade in der Nähe war, habe ich mal hallo gesagt.

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Willkommen in Bluffdale

Plötzlich ist er da, der Helikopter. Wie an unsichtbaren Drähten aufgehängt schwebt er direkt vor mir, vielleicht 20 Meter über der Straße, in der Luft. Das Dröhnen der Rotorblätter macht einen Heidenlärm. Ich fahre rechts ran und warte, dass gleich irgendetwas passiert. Eine gefühlte Minute vergeht. Dann dreht der Hubschrauber plötzlich ab. Zwei Streifenwägen nähern sich, blockieren die Straße unmittelbar vor mir. Ein Polizist steigt aus, der andere bleibt in seinem Fahrzeug sitzen.

Willkommen in Bluffdale, Utah, ein eher unscheinbarer Ort, eine halbe Autostunde südlich von den Olympia-Sportstätten von Salt Lake City gelegen. Hier haben vor Jahren die Bauarbeiten zu einem Gebäudekomplex begonnen, der so geheim ist, dass noch nicht einmal der Bürgermeister weiß, was sich hinter den Zäunen des Militärgeländes abspielt. „Ich selbst war noch nie drin“, sagt Derk Timothy.

 

 

Über Stock und Stein

„The Spy Center“, wie es von den Einheimischen genannt wird, hat rund zwei Milliarden Dollar gekostet und ist seit Ende letzten Jahres in Betrieb. Hier werden nicht nur die Gesprächsmitschnitte von Merkels Handy vermutet, offenbar wird hier die Kommunikation der gesamten Welt gespeichert: die Lokalisierungs-Daten unserer Handys, Google-Suchanfragen und Webseiten, die wir besuchen, E-Mails, Kurznachrichten, angeblich sogar Schnappschüsse, die heimlich über die Mini-Kameras unserer Smartphones und Laptops gemacht werden.

Weil ich von der Hauptstraße aus kein Glück habe, suche ich nach anderen Möglichkeiten, um einen besseren Blick auf das Datencenter zu bekommen. Das Gelände rund um die Anlage gehört dem Militär. Mit Ausnahme eines Feldweges, der parallel zu den Strommasten verläuft. Ohne die Hilfe eines Einheimischen hätte ich die Auffahrt niemals gefunden. Schilder gibt es keine und auch Google Maps hilft nur bedingt, denn die NSA hat offenbar dafür gesorgt, frühere Straßen den Erdboden gleichzumachen.

 

So holpere ich also über Schotterpisten und Feldwege bis ich vor einem gigantischen Wasserspeicher stehe, der mit Überwachungskameras und Stacheldraht abgesichert ist. Eine Sackgasse? Ich will schon umkehren, da sehe ich diesen Erdwall. Ich steige aus und klettere den Hügel hoch: Tatsache! Dahinter geht die Schotterpiste weiter. Ein kurzes Stück über die Wiese und ich setze meine Reise fort.

 

Data-Center-MapEine elektronische Wurst

Aus der Luft betrachtet muss man sich das Utah Daten Center wie eine Wurst vorstellen (s. Abb.). Experten schätzen das Fassungsvermögen dieses Monster-Bauwerks auf ein Yottabyte. In DIN-A4-Seiten oder Fußballfeldern lässt sich so etwas nicht mehr sinnvoll umrechnen. Ein Yottabyte ist so viel, dass es für Datenmengen darüber noch nicht einmal mehr eine Bezeichnung gibt.

Nach Aussagen eines früheren NSA-Mitarbeiters soll es bei der Inbetriebnahme immer wieder zu Problemen mit der Stromversorgung gekommen sein. Generatoren seien durchgeschmort, die Anwohner berichten von mehreren Feuerwehreinsätzen auf dem Gelände. Es heißt, die Anlage verbrauche 65 Megawatt, umgerechnet 40 Millionen Dollar Stromkosten im Jahr (siehe auch WIRED).

 

 

Data-center-blueprint
Forbes hat die angebl. Baupläne online gestellt

Widerstand formiert sich

Lange war es still in Bluffdale. Doch seit den Snowden-Entüllungen in den Medien regt sich Widerstand in der Bevölkerung. Datenschutz-Aktivisten versuchen, den Spionen sprichwörtlich das Wasser abzudrehen und zogen vor Gericht. Denn der NSA-Komplex vor ihrer Haustür braucht von der Gemeinde Wasser, um seine Serveranlagen zu kühlen. Viel Wasser: geschätzte 6,5 Millionen Liter pro Tag.

 

Den Hahn zudrehen

Vergangene Woche hat ein staatliches Komitee die NSA dazu verdonnert, ihren genauen Wasserbedarf offenzulegen. Punktsieg für Anwohner und Datenschützer, die anhand der Wassermenge bestimmen wollen, wie groß die Speicherkapazität der Anlage tatsächlich ist.

An einem kühlen Morgen könne man über dem Gelände riesige Dampfsäulen aufsteigen sehen, berichtet ein Anwohner. Seitdem die Anlage in Betrieb ist, registriere er jede Menge Aktivität rund um das Areal, vor allem nachts. Ich parke meinen Mietwagen auf einer Anhöhe und warte, dass es dunkel wird. In der Ferne das Surren eines Hubschraubers. Blau-rote Signallichter patroullierender Polizeiautos auf dem Hang rund um das Sperrgebiet. Ein gespenstisches Schauspiel.

 

 

You’re with the Army now

Als Journalist hat man es mit vielen Menschen zu tun: Politikern, Beamten, Sportlern, Filmstars, Kriminellen. Die unangenehmsten Begegnungen aber hatte ich stets mit dem Militär. Ob in Kosovo, Ägypten oder in den USA: Menschen in Uniform geben einem gerne das Gefühl, sie stünden über dem Gesetz. Und noch etwas haben sie gemein: Sie hassen die Presse.

Der Polizist, der gerade meine Personalien kontrolliert, ist relativ cool. „Was ist los mit Dir, Buddy?“, mault er. „Haben wir Dir nicht gesagt, dass Du hier nichts verloren hast?“. Es ist nicht das erste Mal, das ich heute gestoppt werde. Allein schon bei dem Versuch, mich der Eingangspforte zufuß zu nähern, rauscht eine Streife heran. Der Cop tippt meine Daten in die Konsole, hält Rücksprache mit dem Walkie Talkie, dann bekomme ich meine Unterlagen zurück und darf weiterfahren.

Zugegeben, viel Neues habe ich heute ja nicht erfahren bei meinem Besuch in Bluffdale. Nur so viel: Die NSA mag es gar nicht, wenn sie selbst ausspioniert wird.

 

Dies ist der erste Teil meiner Recherche-Reihe rund um den US-Überwachungsapparat. In der Reihe “THE FARM” sind bislang erschienen:

Teil 1: Besuch des NSA Data Centers in Utah

Teil 2: NSA-Mitarbeiter Binney: „Microsoft & Co hängen alle mit drin“

Teil 3: Holger Stark: „Der NSA Komplex“

Teil 4: Lavabit-Gründer: Let’s go dark!

Teil 5: Nicholas Merrill: „It’s Security Theatre“

Laterpay-Logo  Kostenpflichtiges Bonusmaterial:

Hier könnt Ihr das Transkript des Interviews abrufen, das ich mit einem Nachbarn des NSA-Datencenters geführt habe – in Original-Englisch oder in deutscher Übersetzung. Daneben habt Ihr die Möglichkeit, mit nur 2 Klicks ein Set mit 10 hochauflösenden exklusiven Fotos aus Bluffdale und dem NSA-Datencenter zu kaufen. Für mehr Informationen klickt auf das jeweilige Icon.

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21 Kommentare
  1. über Twitter gefunden und (natürlich) auf meiner Webseite verlinkt:
    http://it-material.de/2014/03/g-besucht-dinge-das-nsa-data-center/
    Bin gespannt auf die Fortsetzung…
    Falls Sie Einwände hinsichtlich der Nutzung Ihres Vorspanns oder des Bildes als Thumbnail haben sollten, bitte ich um eine kurze Rückmeldung.

    • Richard schreibt:

      Klar, kein Thema.

  2. Sandra schreibt:

    Klasse Bericht mit sehr interessanten Einblicken in den „grossen Bruder“. Tolle Fotos mach weiter so.

    • Richard schreibt:

      Danke. Ich werd mir Mühe geben!

Willkommen!