Von Pro-Sieben zum Pro-Seminar: „Schlag den Raab“ gestern war weniger TV-Show als Psychologie-Vorlesung über Neid, Missgunst und die Kraft der Inszenierung moderner Gladiatoren-Kämpfe.

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Deutschland hasst Hans Martin. Ein Pharmazie-Student, 24 Jahre alt aus Oldenburg. Sportskanone, Intelligenzbolzen, Superstreber. Die Show beginnt wie immer. Einspielfilme zu den Kandidaten, die schon mal die Richtung vorgeben. Das Zuschauer-Voting, bei dem man komischerweise nie erfährt, wie viele da eigentlich für wen angerufen haben. Dann: das erste Spiel. Schon früh katapultiert sich der über-ehrgeizige Hans Martin beim Publikum ins Aus: Neunmalkluge Kommentare. Komisch anmutende Selbstgespräche. Der personifizierte Unsympat.

Ich leide am Underdog-Syndrom. Ein Reflex, der bewirkt, dass ich immer gerne zum Schwächeren halte (eine Eigenschaft, die es mir sehr schwer macht, je ein Fan des FC Bayern zu werden). Schon nach dem ersten Spiel waren die Rollen besetzt: Hans Martin, der Klugscheißer mit dem hohen IQ. Stefan Raab: das etwas aus der Form geratene, unbedarfte Opfer. So dachten wir. So dachte ich, am Anfang zumindest.

Das war, bevor ich gesehen habe, was zeitgleich bei Twitter abging. Schierer Hass und Häme, welche da aus der Anonymität des Internets heraus auf den Kandidaten einschlugen. Hier nur ein kleiner, noch eher harmloser Auszug:

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Man muss sich das einmal vorstellen: nur wenige Stunden nach Beginn der Show gibt es bereits erste Facebook und StudiVZ-Hass-Seiten gegen den Studenten! Ich traue meinen Augen nicht. Was geht denn hier ab? Ist doch nur Fernsehen, oder…?

Meine erste tiefe Abscheu gegenüber dem Kandidaten, meine Gefühle von Neid und Missgunst schwenken nach und nach um. Plötzlich bin ich mir nicht mehr sicher, ob mein erstes, auf dem üblichen schwarz/weiß-Muster basiertes Urteil, gerechtfertigt ist. Wieso mag ich diesen Jungen eigentlich nicht? Wie würde ich mich denn in so einem aufgeheizten Kolosseum anstellen?

bannergladiators1Je länger die Show dauert und je mehr Kommentare ich bei Twitter lese, um so mehr wächst mein Unbehagen, schlagen meine Sympathien plötzlich für den 24jährigen. Ist nicht Hans Martin (bei Twitter nur noch „HassMartin“) der eigentliche Underdog, der Schwächere der beiden Kontrahenten? Sind seine Motive, diese Show zu gewinnen, nicht weitaus nachvollziehbarer und ehrlicher, als die von Stefan Raab?

Der 24jährige hat sich in der Vorauswahl gegen Hunderte andere Kandidaten durchgesetzt. Er hat jetzt diese (im Leben wohl einzigartige Chance) in 4-5 Stunden mehr Geld zu verdienen, als in seinem angestrebten Beruf als Apotheker über einen Zeitraum von 20 Jahren. Eine halbe Million Euro Preisgeld: Raab und seine Firma hatten diese Summe schon in der Tasche, bevor im Studio die ersten Lichter angingen.

bannergladiators2Raab mag alles sein – aber nicht schwach. Nicht einmal dann, wenn es so aussieht. Raab teilt mehr Eigenschaften mit dem Kandidaten, als gestern rüberkam. Eigenschaften, ohne die er nicht die TV-Karriere hingelegt hätte, die er gemacht hat: Raabs ungebremster Ehrgeiz und seine fehlende Scheu, sich öffentlich auch immer wieder zum Affen zu machen. Raab hatte, wie schon Stefan Niggemeier bei faz.net schreibt,. einen entscheidenden Vorteil: er weiß, wann er sich zu bremsen hat. Er kennt die Gesetze des Fernsehens und versteht, wie das Publikum tickt. Der Moderator hat an den richtigen Stellen die Klappe gehalten, den Kandidaten damit ins offene Messer laufen lassen. Was wiederum viel über den Erfinder der Show aussagt.

. Raab verfügt über eine professionell organisierte Casting-Maschinerie, die jeden Protagonisten schon lange vor der Show in einer aufwendigen Prozedur gründlich screent; nicht nur nach Fitness-Aspekten sondern auch nach der Persönlichkeitsstruktur. Das dient zwei Gründen: zum Einen, um zu testen, ob ein Bewerber eine solche Show überhaupt mental bis zum Ende durchstehen kann. Zum Anderen aber auch: welche Rolle könnte so ein Kandidat von der Straße gegenüber Raab einnehmen: Sympathieträger? Schönling? Ehrgeizling? Wer meint, solche Überlegungen kämen bei der Auswahl von potentiellen Kandidaten nicht zum Tragen, kennt das Millionen-schwere Fernsehgeschäft nicht. Da wird nichts dem Zufall überlassen.

bannergladiators4Zur Schadenfreude des Kandidaten: Hat nicht auch Raab stets einen großen Teil seines Erfolges dadurch gemacht, dass er sich schamlos über die Schwächen anderer (oft auch sehr viel schutzloseren) Menschen vor einem Millionenpublikum lustig gemacht hatte („Maschendrahtzaun“)? Seine ganze Show TV-Total basiert im Grunde genommen auf diesem Konzept.

Und auch das sollten wir nicht vergessen: So sehr Raab sich auch immer vor den Kameras über verlorene Spiele ärgert – am Ende der Show gewinnt stets nur einer: er selbst. Raab bestimmt die Regeln. Er hat sie erfunden. Raab zieht die Strippen im Hintergrund. Er gewinnt auch dann, auch wenn er (vordergründig) verliert.

Gestern, während der Sendung habe ich mich immer wieder dabei ertappt, wie ich mich über die giftigen Seitenhiebe der Moderatoren-Crew amüsiert habe. Heute, am Tag danach, sehe ich das anders. Diese vier TV-Profis (Moderator Opdenhövel, Kommentator Buschmann, Sidekick Elton und Produzent Raab) haben sich ziemlich unfair gegenüber dem Kandidaten verhalten. Als Privat-Personen vielleicht noch akzeptabel. Als bezahlte TV-Personalities unverantwortlich. Scheinheilig. Menschenverachtend.

Den Raab-Tieren zum Fraß vorgeworfen. Ich schäme mich, dass ich selbst auf diese Inszenierung reingefallen bin.

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54 Kommentare
  1. Fabian schreibt:

    Sehr guter Artikel. Auch ich habe gestern während der Show ein wenig gewettert gegen Hans-Martin. Aber er ist jung. Stefan oder der Moderator hätten gekonnt eingreifen können. Stefan hätte zurück stacheln können um einen Ausgleich zu schaffen. AAABER: Die Versuche gab es! Auch Stefan hat ihn mal gut ausgelacht. Der Moderator hat mehrmals deutliche Signale gesendet, dass sich hier jemand zum Affen macht! Das alles ist an Hans-Martin aber völlig abgeprallt. Und gerade das machte ihn einzigartig gegenüber den vorherigen Kandidaten. Er hatte nur sich selbst im Kopf.

    Ob es mir besser ergangen wäre wage ich nicht zu beurteilen. Aber, dass es anders geht haben andere Kandidaten bereits mehrfach bewiesen. Auch Oku oder Nino(?) waren lässig, großmäulig, aber dennoch immer fair!

    Hier hat ein Egoschwein gespielt. Er ist nicht DAS Opfer gewesen. Alle haben versucht ihn „zu retten“. Aber er wollte es gar nicht.

    Egal, in 2 Tagen ist er vergessen. Was jedoch im Internet nachhaltig bleibt ist übertrieben. Hassgruppen, recherchierte Adressen und Telefonnummern gehen einfach zu weit.

  2. Erik schreibt:

    Naja. Hassmartin als das arme Opfer darzustellen finde ich doch etwas überzogen. Die Arroganz die dieser Unsympath an den Tag gelegt hat – z.B. beim Diskus – lässt sich nicht so einfach mit der schwächeren Rolle im TV-Zirkus schön reden.

Willkommen!