Alle Jahre wieder heißt es im deutschen Blätterwald: Auf zum munteren Internet-Bashing! Alle Jahre? Ach was, keine Woche, ohne dass ein gedrucktes Qualitätsmedium vor den Gefahren von Google, Facebook und Twitter warnt. Heute – aus aktuellem Anlass – DER SPIEGEL.

Auch der SPIEGEL hat Ende 2010 auf seine konstant sinkenden Auflagenzahlen geblickt und sich gedacht: ‚Panic sells, lasst uns doch mal wieder etwas Angst verbreiten!‘ Und wo lässt es sich am besten Panik schüren? Richtig, auf einem Gebiet, auf dem man dem leicht angegrauten Bildungsbürgertum so ziemlich alles erzählen kann: dem Computer. Und so heißt es diese Woche auf der Titelseite folgerichtig: Facebook & Co: Die Unersättlichen – Milliarden-Geschäfte mit privaten Daten.

So schürt man Netzangst: Matrix meets A. Paul Weber

Noch während ich die Vorankündigung las, hatte ich das Gefühl, den Artikel schon zu kennen. Wie ist das möglich? Ein Blick in den Abo-Service des Verlags schafft Klarheit (tja-ha, dieses Internet vergisst nie!):

SPIEGEL Heft Nummer 2, auf die Woche genau vor einem Jahr, mit der Titelgeschichte: Google – Der Konzern, der mehr über Sie weiß als Sie selbst. Ein Aufmacher, der sich am Zeitungskiosk prima verkauft hatte. Warum also nicht nochmal das Ganze, mag man sich in Hamburg gedacht haben. Und damit uns keiner eine Kampagne unterstellen kann, lasst uns diesmal lieber Facebook in den Titel nehmen. Gab’s da nicht auch neulich diesen Kinofilm?

In einer nicht enden wollenden Aneinanderreihung von Online-Diensten, die eines gemein haben, nämlich dass sie Daten sammeln, versucht der Artikel seine These zu untermauern, dass das Internet eine einzige Räuberhöhle sei („Paradies für Datensammler“, „skrupellose Firmen“, „Datenschürfer“). Ein rechtsfreier Raum? Papperlapapp: das reinste Sodom und Gomorrha!

Die Bestseller des Jahres 2010 – Quelle: MEEDIA Cover-Check

Einen Beweis für einen flächendeckenden Missbrauch dieser Daten bleibt der gesamte Riemen allerdings schuldig. Egal.

„Echte Schurkereien mögen bis- lang nur vereinzelt vorkommen; zermürbend wirkt aber vor allem der Normalfall.“

Dabei sind es gerade die Zeitungen und Zeitschriften-Verlage, die hierzulande spitz auf unsere Daten sind, wie kaum eine andere Branche. Die Unterwanderung des Datenschutzes hat hier System. Zu Hunderten bevölkern die meist auf Provision bezahlten Verlagssöldner deutsche Fußgängerzonen und Bahnhöfe, wedeln mit Gratis-Zeitungen, mit dem einen Ziel: unsere Unterschrift. Mit der können die Verlage nämlich so gut wie alles anstellen. Und das tun sie auch:

Datenschutz im Alltag

Erst kürzlich wieder wurde ich privat angeschrieben. Die „Junge Freiheit“ wollte mir ein Abo andrehen. Ich rief den Vetriebsleiter in Berlin an, Dr. Bastian Behrens (behrens@jungefreiheit.de, Tel. 030/864953-24), bat ihn um Auskunft, woher man meine Adresse und die Erlaubnis habe, diese zu Werbezwecken zu verwenden. Meine Anfrage wurde mit einem Standardbrief abgefertigt, in dem man auf „öffentlich zugängliche Verzeichnisse“ verwies (was in meinem Fall unmöglich ist, da ich über die vom Verlag benutzte Schreibweise nirgendwo gelistet bin). Auf meine wiederholte telefonische Nachfrage, mir den Nachweis zu erbringen, dass ich mit der Verwendung meiner Daten zu Werbezwecken einverstanden gewesen sei, legte der Herr Behrens von „Junge Freiheit“ einfach den Hörer auf.

Das passt ins Bild. Dass es bis zum heutigen Tag keinen brauchbaren Online-Zeitungskiosk gibt, liegt nicht nur daran, dass man sich nicht auf ein gemeinsames Bezahlsystem einigen kann. Den Verlagen geht es auch um den vollen Zugang zu unseren Daten. Denn das große Geld wird schon längst. nicht mehr allein durch den Copypreis erzielt (der SPIEGEL kostet seit dieser Woche 4 Euro), sondern immer häufiger. mit zielgruppengenauen Werbemöglichkeiten für solvente Anzeigenkunden – also genau das, was der SPIEGEL den Online-Firmen in seiner Titelgeschichte ankreidet.

Und so lesen wir vom „Datenriesen“ Google, von Cookies und von Konsumentenprofilen, kein Wort aber von den mitunter größten Datenkraken im eigenen Land: den Verlagen.

Datenkrake SPIEGEL

Mit welch perfiden Methoden die Pressehäuser selbst auf Datenjagd gehen, wird deutlich, wenn man sich durch das Kleingedruckte der Anbieter kämpft. Dort, versteckt in einer Fülle anderer harmloser Paragraphen, erfährt man, wozu der Leser den SPIEGEL Verlag berechtigt, wenn man sein Häkchen aus Versehen an der falschen Stelle setzt:

(…) berechtigt, personenbezogene Daten sowie Profildaten und demografische Daten für folgende Zwecke zu erheben, zu verarbeiten (z. B. zu modifizieren, zur Weiterverarbeitung zu speichern, mit anderen Datensätzen zu kombinieren und zu archivieren) und zu nutzen:

  • der Aufnahme in ein Teilnehmerverzeichnis,
  • der Zusendung von Informationen über die Online-Angebote des Anbieters,
  • der Personalisierung und optimalen Ausrichtung der Dienste des Anbieters an den Interessen und Vorlieben des Nutzers,
  • der Werbung oder der Marktforschung für die Online-Angebote des Anbieters.

Der Anbieter ist nach Einwilligung des Nutzers nicht verpflichtet, die Nutzungsdaten frühestmöglich, also spätestens unmittelbar nach Ende der jeweiligen Nutzung, zu löschen, sondern ist zur Speicherung berechtigt.

Ferner ist der Anbieter nach Einwilligung durch den Nutzer berechtig, seine personenbezogenen Daten an Kooperationspartner zum Zwecke der Werbung, der Marktforschung, der Information über Produkte und Dienstleistungen, der Zustellung von Angeboten zum Abschluss von Verträgen für Waren und Dienstleistungen und einer optimal an den Interessen des Nutzers abgestimmten weiteren Information durch einen Newsletter, weiterzugeben.

Auszug aus den Datenschutzbestimmungen von SPIEGEL Online

Gipfel der Verlogenheit

Den Vogel schießt der gedruckte SPIEGEL dann noch am Ende seines Aufmachers ab. Ausgerechnet unmittelbar nach der Horrorstory über die Datensammler, folgt die folgende, ganzseitige Anzeige:

Dort heißt es ganz unten im Kleingedruckten:

Ja, ich möchte auch von weiteren Vorteilen profitieren. Deshalb bin ich damit einverstanden, dass mich der SPIEGEL-Verlag oder die manager magazin Verlagsgesellschaft künftig per Telefon und/oder E-Mail über weitere interessante Medienangebote informiert.

Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: nur wenige Seiten zuvor warnt der SPIEGEL noch vor eben jenen Methoden, mit denen man „per Häkchen“ unwissentlich dem Datenhandel Tür und Tor öffnet. Mit diesem Coupon willigt der SPIEGEL-Leser ein, dass er nicht nur vom SPIEGEL Verlag, sondern auch von beteiligten Verlagsgesellschaften für alle aktuellen und künftigen Publikationen zugespamt werden darf. Darüber hinaus muss er befürchten, über Jahre hinweg von privaten Callcentern telefonisch belästigt zu werden, um ihm fernmündlich irgendein Abo unterzujubeln. Die Weitergabe der Daten an Dritte wird beim SPIEGEL ausdrücklich nicht ausgeschlossen.

Liebe SPIEGEL-Leute, soviel Doppelmoral kotzt mich an.

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173 Kommentare
  1. Detlef Hauke schreibt:

    Ich kann nur sagen:“Treffer und versenkt!“. Klasse Post!

  2. Ulrike Langer schreibt:

    Recht hast Du! Hier ist noch etwas Futter Deine Doppelmoral-Argumentation, z.B. das hier, gefunden auf der Hompage des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger:

    „Die im Rahmen einer Podiumsrunde diskutierten Chancen des „Abomarketing 3.0“ sind – so die Ergebnisse des Dialogmarketing-Tags:

    Die bessere Umsetzung der neuen digitalen Möglichkeiten: „Das Dialogmarketing hat vom Internet als riesigem Aktionsraum profitiert“, so Dr. Olaf Conrad. „Wir müssen das neue Medienverhalten nicht beklagen, sondern mitgestalten“, forderte Michael Plasse, stellvertretender Leiter Vertriebsmarketing und Leiter Direktmarketing des Spiegel-Verlages. „Denn wir sind“, so Thomas Mäling, Leitung Dialog Marketing&Services, Mitglied der Geschäftsführung Burda Direct, „in einem Revolutionsprozess.“

    […] Abomarketing 3.0 heißt vor allem aber, die Kundenbeziehung in den Mittelpunkt zu stellen. „Wir müssen das Wissen über den Kunden besser nutzen“, so Hermann Schmidt, Geschäftsführer Jahreszeiten Verlag.

    Quelle: http://bit.ly/hGIJPl

    In einem Punkt irrst Du allerdings: Der Erlösfaktor Copypreis ist in den letzten beiden Jahren in den meisten Verlagen gestiegen, nicht gesunken.

    • Richard Gutjahr schreibt:

      @Ulrike Langer Vielen Dank für die Ergänzungen. Danke auch für die Präzisierung bzgl. des Copypreises, der in vielen Fällen natürlich auch dem Preisanstieg bzw. den Einbrüchen im (Print-) Anzeigenmarkt geschuldet ist.

Willkommen!