Vor 3 Jahren haben wir mit der Rundshow versucht, Fernsehen und Internet zu verbinden. Vieles von dem, was damals noch als Zukunftsmusik galt, ist heute Standard. Wie müssen wir Fernsehen heute, im Jahr 2015, denken, damit klassische Sender neben Apple, Amazon, YouTube und Netflix eine Chance haben?

 

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Sascha Lobo als Gast-Moderator der Rundshow 2012

 

 

kimmelcircleDie TV-Bastion fällt in sich zusammen

„Wie viele von Euch schauen meine Show im Fernsehen?“ fragt Jimmy Kimmel in die Dunkelheit des riesigen Saals. Ein paar Arme gehen nach oben, wenige Hundert, wenn überhaupt. „Und wie viele von Euch schauen die Show im Netz?“. Fast alle Hände der rund 5000 Zuschauer sind in der Luft. „Seht Ihr, und genau das ist das Problem, right here!„, erklärt der Showmaster, den das Ergebnis wenig zu überraschen scheint. „Damit verdiene ich nämlich nichts.“

Was Jimmy Kimmel noch im März auf der SXSW interactive demonstriert hat, wird zunehmends ein Problem für klassische Programmanbieter: Nach der Musik- und der Print-Industrie ist Fernsehen die nächste Medien-Bastion, die durch das Internet gestürmt wird. Meine These: Spätestens wenn die nächste Mobilfunkgeneration 5G (in Deutschland ab 2020) Einzug hält, bricht die gesamte Wucht des Internet über unsere Medienlandschaft herein.

 

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Keine Ausreden

Bei mobilen Datenübertragungsraten, die schneller sind als unsere heutigen Glasfaser-Zugänge, wird es keine Ausreden mehr geben. Ob Texte, Audios oder Video, jeder Inhalt wird gleichberechtigt neben dem anderen stehen und um die Gunst der User buhlen. Nur der Beste wird bestehen. Ob Programminhalte von einem klassischen Fernsehsender oder von Apple, Amazon, YouTube oder Netflix stammen, ist dann zweitrangig.

Was das für die Fernsehlandschaft bedeuten wird, lässt sich schon heute erkennen. Gestern habe ich spontan meine Facebook-Community (4.400 Personen, 66% männlich, 33% weiblich, beherrschende Altersgruppen 25-54) zu ihren TV-Gewohnheiten befragt. Hier einige Antworten, die den Gesamttenor ganz gut abbilden:

 

„…klassisches TV nur DFB-Spiele, Tatort und manchmal Tagesschau. Ansonsten arte, CNN und BBC, Sky für Bayern-Spiele. Netflix für Serien, AppleTV und Amazon Prime Instant Video für Spielfilme nach Wahl.“

„Ich lande meist direkt beim AppleTV / Fire TV. Selbst Sendungen, die ich im TV gucke, gucke ich meist direkt in der Mediathek, weil ich zu den TV-Zeiten keine Zeit/Lust habe.“

„Ich habe Anfangs meinen recht großen Fernseher mit in mein kleines Studentenwohnheim mitgenommen um die Internetfreie Zeit zu überbrücken. Jetzt nutze ich ihn nur noch als Monitor für Film und Serie.“

„Vermehrt gehe ich direkt in die Mediathek oder zu Netflix bzw. Amazon Prime.“

„Smart TV daheim, wird aber für nichts anderes als Netflix oder PlayStation genutzt.“

„Netflix, Prime Video, Mediatheken und YouTube. Mehr brauche ich nicht.“

„Amazon Fire TV hat unser Fernsehverhalten stärker verändert als Apple TV damals.“

 

Was bedeutet das für die Programm-Macher?

Wenn Videotheken (Netflix) oder Kaufhäuser (Amazon) heute bereits preisgekrönte Serien (und demnächst Spielfilme) drehen – wozu überhaupt noch Fernsehsender? Was wird wohl passieren, wenn Amazon oder Google eines Tages die Rechte an der Bundesliga kaufen? Keine Frage des Ob, sondern eine Frage der Zeit.

Was könnte die Aufgabe von Fernsehsendern sein, in einer Welt, in der es jede Serie, jeden Film, jede Live-Übertragung überall sonst auch gibt?

Wenn Ihr mich fragt, gibt es nur eine Antwort: Die Community. Ich möchte da sein, wo die Anderen auch sind und mich mit anderen Menschen über das austauschen, was ich sehe. Klassisches Fernsehen muss daher social sein. Alles andere können Algorithmen und personalized Data besser. Talent lässt sich kaufen. Social Communities müssen wachsen und lassen sich nicht beliebig austauschen. Fragt Google.

 

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Das Rundshow-Produktionsbuch – von der ersten Skizze zur Show

 

Es war einmal die Rundshow…

Fast auf den Tag genau vor 3 Jahren ging die Rundshow auf Sendung. Ein kleines TV-Experiment, das wir 4 Wochen lang spät nachts im Bayerischen Fernsehen durchführen durften. Die Show war von Beginn an als 24h-Projekt konzipiert, das heißt Themen, Inhalte und Diskussionen wurden bereits tagsüber via Twitter, Facebook und Google+ im Netz geführt.

Die Live-Show spät abends im Fernsehen baute auf die bereits laufende Diskussion auf und ergänzte sie durch Zuschauer, die sich per Web-Cam live in die TV-Sendung reinschalten konnten. Besonders stolz war ich auf die Möglichkeit, via App von zuhause aus zu applaudieren bzw. zu buhen. Wann immer überdurchschnittlich viele Zuschauer auf „Like“ oder „Dislike“ ihrer Fernbedienung (Unsere Rundshow-App „Die Macht“) gedrückt haben, ertönten bei uns im Studio Applaus oder Buh-Rufe von Band.

 

 

Eine Frage der Zeit

Zugegeben, nicht alles war perfekt damals. Okay, das Wenigste an der Show war perfekt. So war die Bild- und Ton-Qualität unserer Liveschalten via Skype und Google-Hangout oft am unteren Rand von grenzwertig. Den Kritikern habe ich dann immer geantwortet: Ja, wir arbeiten nun mal mit dem Internet von 2012. Aber wie lange wird es dauern, bis die Technik soweit ist? Sollen wir uns dann erst hinsetzten und anfangen zu überlegen, was wir damit anstellen wollen?

Und auf eines bin ich unheimlich stolz: Die Show war echt! Vielleicht das Echteste, woran ich in all den Jahren, seitdem ich Fernsehen mache, bisher gearbeitet habe.

 

 

Von der Rundshow ist nicht viel geblieben. Das Einzige, was überlebt hat, ist die Rundshow-App „Die Macht“, die sich heute, in anderem Gewand, als „Aktuelle Stunde“-App bei Redaktion wie Zuschauern größter Beliebtheit erfreut. Auch sonst haben es viele Elemente von damals inzwischen ins reguläre Hauptprogramm geschafft.

Wie es weiter geht? Was ich heute machen würde, um Fernsehen und Internet miteinander zu verheiraten? Es gibt viele Ideen, das ist im Augenblick aber alles andere als spruchreif. Ich verspreche Euch, wenn der Tag gekommen ist, werdet Ihr es hier im Blog als Erste erfahren. Nur soviel: Die Rundshow wird wieder kommen. Aber anders als Ihr denkt.

 

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9 Kommentare
  1. Um die zukünftige Relevanz traditioneller Fernsehsender einzuschätzen, sollte man denke ich zwischen ihrer Rolle als Produzenten von Inhalten und als Transportwege für Inhalte trennen. In Deutschland scheinen mir die öffentlich-rechtlichen Sender und einige private weiterhin in einer sehr guten Position, wenn es um die Kraft geht Sendungen zu produzieren und öffentliche Aufmerksamkeit für sie zu gewinnen. Zugegeben, die deutsche Fernsehlandschaft könnte etwas mehr Kreativität in diesem Bereich vertragen, aber da dürfte die direkte Konkurrenz durch internationale Direktangebote eher belebend wirken. Das setzt aber voraus, dass die Sender mit ihren Mediatheken Zuschauern ebenso leichten Zugang zu Inhalten bieten wie es die von Ihnen beschriebenen internationalen Anbieter tun. Es geht dann eben immer stärker darum welche Bibliothek von Inhalten ich als Anbieter meinen Zuschauern direkt zugänglich machen kann.

    Auf der anderen Seite steht die wirkliche Herausforderung–wie Sie beschreiben–in der Gestaltung von Live-Formaten. Wie können in einer Zeit der asynchronen und Interesse gesteuerten Medien-Nutzung Live-Formate im Fernsehen an Relevanz behalten?

    Der eine von Ihnen beschriebene Weg deutet auf die Anpassung der Formate hin, um mehr Direktfeedback einzubinden. Ein anderer, vielleicht weniger stark direkt beeinflussbarer Weg, ist die soziale Bedeutung der Sendung zu erhöhen. Also ihre Bedeutung für Gespräche unter Zuschauer am nächsten Tag, was ja zum Beispiel eine der stärken des Tatort-Formats zu sein scheint. Also, dass Fernsehinhalte–seien es jetzt Filme, Serien, Nachrichten, Sport oder Talkshows–stärker darauf zielen Gesprächsstoff unterschiedlich interessierter Gruppen zu bleiben. Wenn diese gesellschaftliche Rolle an Direktanbieter verloren geht–wie es momentan zumindest schon im Fall von Serienformaten zu geschehen scheint–steht den Fernsehsendern das eigentliche Problem ins Haus.

    • Richard schreibt:

      Gute und treffende Analyse. Gerade der Punkt mit dem leichten Zugang scheint mir der Knackpunkt zu sein. Hier sehe ich einen Schwachpunkt, den die großen (US-) Player verstehen, auszunutzen. Umgekehrt haben auch wir in D gute Inhalte, für die wir uns nicht schämen müssen. Die Frage wird sein: Werden wir mit unseren Inhalten Content-Dienstleister für US-Unternehmen, oder selbst im Sattel sitzen. Ich habe da eine leise Ahnung…

  2. Netz-TV schreibt:

    Sorry. Da ist ein für Programm-Macher typischer Denkfehler drin. Am besten versteht man es, wenn man die Geschichte von Internet und Zeitung anschaut. Die Zeitungen haben vieles ausprobiert im Netz. Wenn man den obigen Artikel zugrunde legt, sogar sehr erfolgreich. Viele Zeitungen haben mehr Leser im Netz als jemals zuvor. Nur kein Geld. :-) Das gleiche Problem wird die Fernsehsender im Netz einholen. Zuerst natürlich die Privaten. DSDS und Co. sind schon jetzt Riesen-Communitys im Netz. Nur das Geld kommt immer noch aus dem gefühlt 20-minuetigen Werbeblock im guten alten Heimkino. Aktuell verdienen RTL&Co. damit noch prächtig. Aber das wird kippen. Mit der Finanzierungsgrundlage für die Sendung verschwindet dann aber auch die „Community“. Öffentlich-Rechtlich wird es etwas länger dauern. Da die Anstalten aber systembedingt ineffizient arbeiten, ist es auch nur noch eine Frage der Zeit, bis die Politiker die Prügel für die nächste notwendige Gebühren-Erhoehung nicht mehr einstecken wollen. Die Sender werden Probleme bekommen, noch ein zu den globalen Giganten auch nur ansatzweise konkurrenzfähiges Programm auf die Beine zu stellen.

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