Die Bundesregierung will den Markt öffnen für Fahrdienstvermittler wie Uber oder Mytaxi. Die Proteste der Taxifahrer sind verständlich. Bewirken werden sie nichts. Im Gegenteil.

Wie viele von Euch war auch ich letzten Mittwoch vom Taxistreik betroffen. Ich musste dringend zum Flughafen. Weil kein Taxi fuhr, bestellte ich mir ein Uber. Bizarr: Vor dem Taxistreik hatte ich gar nicht gewusst, dass Uber aktuell wieder in Deutschland operiert. 

Aus Sicht der Taxler ist der Frust nachvollziehbar: Wieso ist das, was ich über Jahrzehnte erfolgreich betrieben habe, auf einmal nicht mehr gut genug? Wie kann es sein, dass plötzlich jeder dahergelaufene Amateur – ohne Ausbildung und staatliche Auflagen – mir meine Kunden wegnehmen kann?

Es zirkulieren viele Horror-Geschichten über die Geschäftspraktiken von Uber. Deshalb habe ich meine letzten drei Uber-Fahrer gefragt, wie es ihnen bei dem Fahrdienstvermittler geht und was sie vom Taxistreik halten. Die Gespräche verliefen anders, als ich erwartet hatte.    

 

 

Verständnis für die Taxler

Drei Fahrer, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten: ein Student, ein Bootsflüchtling aus Syrien und – Achtung Wortspiel – ein „uber“gelaufener Taxler. Keiner klagte über schlechte Arbeitsbedingungen. Im Gegenteil, die Bezahlung bei Uber sei „in Ordnung“, das Bezahl- und Bewertungssystem praktisch.

Was mich noch mehr überrascht hat: Alle drei Uber-Fahrer zeigten Verständnis für die Taxler. Es sei ungerecht, dass die Taxifahrer strengen Auflagen unterlägen, wohingegen Uber eher lax reguliert werde. Gleichwohl hätte es das Taxi-Gewerbe versäumt, sich zu modernisieren. Und am Ende entscheide nun mal der Kunde.

Es geht nicht (nur) um Geld

Tatsächlich führen die Taxifahrer vor allem die Dumpingpreise von Uber ins Feld. Aber ist das wirklich das, worum es hier geht? Mir persönlich kommt es nicht auf ein paar Euro mehr oder weniger an. Mir geht es vor allem um den Service. Und der war im Taxigewerbe schon vor Uber unter aller Sau:

„Nur Barzahlung!“

„Das Gerät ist kaputt.“

„U-Bahnstation Gleisdreieck? Wo soll das sein?!“

Eine kleine Auswahl meiner Erlebnisse von rund 80 Taxifahrten im Jahr in ganz Deutschland. Das Kundenerlebnis bei Uber: eine praktische App, freundliche Fahrer (die einem Wasser, Kaugummi, manchmal sogar Schokoriegel anbieten), Bezahlung automatisch via Kreditkarte, sowie eine elektronische E-Mail-Quittung, über die sich später auch noch der Steuerberater freut. 

Digitales Déjà-vu

Der Taxistreit erinnert mich an viele alte Bekannte: Verleger vs. Google. Autobauer vs. Tesla. Einzelhandel vs. Amazon. Die Player wechseln, das Thema bleibt. Ganze Branchen werden von der nicht mehr ganz so neuen New Economy herausgefordert. Statt sich zu öffnen, ziehen die Taxibetreiber ihre Schützengräben tiefer und schaufeln damit ihr eigenes Grab.

Denn was keiner der Platzhirsche wahrhaben will: Die Kunden haben durch Digitalisierung und Vernetzung an Macht gewonnen. In einer solchen neuen Realität (die erst einmal nichts mit Uber zu tun hat), hilft nur eines: radikale Kundenorientierung.

Genau hier sehe ich das eigentliche Verschulden des Taxi-Gewerbes.

So wie Journalisten heute mehr leisten müssen, als das reine Überbringen einer Nachricht (Googlen können unsere Leser auch), kann jedes Kind heutzutage ein Navi bedienen. Spätestens wenn unsere Autos selbständig fahren, ist nicht länger der Transport von A nach B, sondern der Service das Produkt.

Kurz: Der Gegner ist nicht Uber. Der Gegner sind die neuen, emanzipierten Kunden. Ich hoffe, die Taxifahrer sehen das ein und kriegen die Kurve. Wenn nicht, wird ihnen wohl kaum jemand eine Träne hinterher weinen.

 
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24 Kommentare
  1. Joachim Herbert schreibt:

    Das Problem des Taxigewerbes sind die von den Kommunen in begrenzter Zahl vergebenen Lizenzen, die wohl auch veräußert werden können. Uber entwertet dieses Investment, das für die Unternehmer, nicht die Fahrer, eine Lizenz zum Geld drucken war.

  2. Curt Simon Harlinghausen schreibt:

    Es sind zwei maßgebliche Faktoren, die den Taxifahrern zu schaffen machen:

    > Existenzangst (durch Wandel im Allgemeinen)
    > Verlust der Bequemlichkeit
    (Gefühlte Freiheit)

    Das autonome Fahren wird schwer zu bestreiken sein. Ich bin gespannt

Willkommen!