Twitter goes wild: Mit Voice, Fleets und Spaces mausert sich die Plattform vom einstigen 140-Zeichen-Kurznachrichtendienst zu einem Multiversum. Ein riskanter Schritt, der aber vielleicht gerade zur rechten Zeit kommt.

Twitter hat ein Problem. Mit der Abwahl des amtierenden Präsidenten verliert der Kurznachrichtendienst sein wichtigstes Zugpferd, den Commander in Tweets, Donald J. Trump. Wenn am 21. Januar Joseph Biden in Washington seinen Amtseid ablegen wird, wird Twitter nicht mehr die News-Plattform sein, die es zuletzt war.

Klar, Donald Trump wird auch nach seinem Auszug aus dem Weißen Haus wundersame Tweets absetzen, die eine Faszination ausüben wie ein Verkehrsunfall – man möchte nicht hinschauen, kann aber auch nicht wegsehen. Doch Weltpolitik werden sie nicht mehr bedeuten und dass auch Joe Biden auf impulsive Tweets, statt auf good-old-fashioned Diplomatie setzen wird, darf bezweifelt werden.

Twitter braucht also dringend ein neues Raison d’Être, eine neue Ausrichtung, die es der Plattform erlaubt, relevant zu bleiben – und das weit über sein übliches Publikum (Journalisten, Politiker, PR-Fuzzis und andere eigentümliche Zeitgenossen) hinaus.

Quelle: Blick am Abend

Dazu hat das Vogel-Netzwerk in den vergangenen Jahren schon zahlreiche Neuerungen eingeführt. Die Verdoppelung der ursprünglichen 140 auf 280 Zeichen zählte sicherlich zu einer der meist-diskutierten Anpassungen. Mit Voice-Tweets wollte sich Twitter vor allem an die nachwachsende Zielgruppe ranmachen, die ihre Nachrichten lieber diktiert, als die Tastatur zu bemühen.

Jetzt also FLEETS, flüchtige Tweets, die sich nach 24 Stunden von selbst wieder löschen. Twitter selbst schreibt dazu:

„Für diejenigen, die relativ neu bei Twitter sind, stellen Fleets eine einfachere Möglichkeit dar, ihre Gedanken mit anderen zu teilen. Da sie nach einem Tag wieder verschwinden, tragen Fleets dazu bei, dass die Menschen sich wohler dabei fühlen, persönliche und beiläufige Gedanken, Meinungen und Gefühle auszutauschen.

Mit SPACES möchte Twitter nächstes Jahr eine Art Clubhouse (sic!) schaffen, bei dem User*innen in geschlossenen Gruppen miteinander Audio-Nachrichten austauschen können, die nur ausgewählte Personen empfangen können.

Als wir von Twitter gestern über die anstehenden Neuerungen gebrieft wurden, war mein erster Gedanke:

Oh, wow, Twitter kopiert also die Kopie der Kopie, und versucht uns eine Idee, die Facebook vor Jahren schamlos von Snapchat geklaut hatte, nun als Innovation zu verkaufen?

Doch so einfach ist das nicht.

Anders als Facebook hat Twitter während der letzten Jahre spät – aber nicht zu spät – sein Gewissen entdeckt. Während Mark Zuckerberg von Facebook und Susan Wojcicki drüben bei YouTube noch bis zuletzt ihre Verantwortung für den wachsenden Hass in der Gesellschaft abstritten, indem sie Holocaust-Leugnungen und Hasspredigten als freie Rede oder Beitrag zur Meinungsvielfalt verteidigten, war es Twitter, der als einziger Player aus dem Silicon Valley uns daran erinnerte, wofür das „sozial“ in „Soziale Netzwerke“ ursprünglich mal stand.

Zugegeben, Twitter hatte weniger zu verlieren als die Giganten Facebook und Alphabet. Aber mit seiner Entscheidung, die Tweets des US-Präsidenten mit Warnhinweisen zu versehen und in machen Fällen sogar zu löschen, übernahm Twitter-Teilzeit-CEO Jack Dorsey zumindest symbolisch die moralische Führungsrolle im Club der Plattform-Milliardäre. Tatsächlich schwenkten Facebook und Google nur Wochen später in den Kurs von Twitter ein und begannen damit, ihre Netzwerke verantwortungsvoller zu moderieren.

Aus der Twitter-Präsentation zu den Produkt-Neuerungen

Doch was hat das alles mit den neuen Twitter-Funktionen zu tun?

Eine Menge. So wie die Konkurrenz von nebenan aus Menlo Park und Mountain View, hat sich bei Twitter die Erkenntnis durchgesetzt, dass Technik zwar nicht alle Hetzer und Spinner von den Plattformen fernhalten kann. Aber: Dass die eigenen Algorithmen und Tools sehr wohl Hass und Hetze verstärken und sogar begünstigen können, das hat sich in den vergangenen Jahren bis tief hinunter in die Bay Area südlich von San Francisco herumgesprochen.

Will man die Erkenntnis, die sich in den Köpfen der CEOs und Produktmanager im Silicon Valley breitgemacht hat, auf den Punkt bringen, dann lautet diese:

Freedom of speech bedeutet nicht freedom of reach.

Und nur, weil ein Beitrag eine große Reichweite bzw. „engagement“ erzielt, muss dieser nicht automatisch wertvoll sein. Im Gegenteil. Langfristig könnte er der Plattform sogar schaden und Publikum vertreiben. Mit dieser Schubumkehr im Denken sind Zuckerberg und Co seit Monaten nun dabei, den Ton auf ihren eigenen Plattformen zu entschärfen.

Was an den neuen Tools von Twitter auffällt: Sie zielen alle nicht allein auf Reichweite, sondern auf ein diverseres, User*innen-freundlicheres Umfeld. Vor allem Frauen werden in Sozialen Netzwerken häufig von Männern sexualisiert und gedemütigt. Durch Fleets, Spaces und weitere Funktionen (zum Beispiel die Möglichkeit, die Kommentierung unter den eigenen Tweets einzuschränken), versucht Twitter, die Plattform bunter und freundlicher zu gestalten.

Während der Twitter-Präsentation gestern kündigte Kayvon Beykpour (Ja, der Periscope-Co-Gründer!) weitere Tools an, die nach und nach im nächsten Jahr dazukommen sollen. Ob darunter dann auch jene Killer-Funktion dabei sein wird, die die Spatzen schon lange von den Dächern pfeiffen, darüber schwiegen sich die Twitter-Leute aus:

die so lang erhoffte Editier-Funktion von bereits veröffentlichten Tweets.

 

 
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