Lenny Pozner, 55, hat am 14. Dezember 2012 bei einem Amoklauf an der Sandy Hook Grundschule im US-Bundesstaat Connecticut seinen 6jährigen Sohn Noah verloren. Seit fast zehn Jahren kämpft der Familienvater mit seiner Nonprofit-Organisation HONR gegen Angriffe von Verschwörungstheoretikern, die den Opfer-Familien sowohl im Netz als auch auf der Straße nachstellen. Mit einer noch nie dagewesenen Schadensersatzsumme gegen den Hass-Prediger Alex Jones in Höhe von knapp einer Milliarde Dollar gelang den Eltern von Sandy Hook jetzt ein spektakulärer Schlag gegen einen der Wortführer der Online-Hetze. 

Der Hass-Prediger Alex Jones machte mit seiner InforWars-Show auf YouTube und Facebook Hunderte Millionen Dollar (Screenshot)

Nach Verkündung des Urteils habe ich mit Lenny Pozner gesprochen Das Interview ist zuerst in DER SPIEGEL erschienen. 

Herr Pozner, haben Sie den Gerichtsprozess gegen Alex Jones verfolgt?

Ich habe mir einen Teil im Fernsehen angesehen, aber es ist sehr schwierig für mich, dieses Trauma noch einmal durchleben zu müssen.

Eine Milliarde Dollar Schmerzensgeld, hatten Sie mit einem solchen Urteil gerechnet?

Ich war mir sicher, dass Alex Jones für seine Lügen bezahlen muss. Obwohl die Summe immens klingt, ist diese Zahlung auf 15 Kläger aufgeteilt, was den Schadensersatzansprüchen aus dem vorangegangenen Prozess von Texas ähnelt.

Was war Ihre erste Reaktion auf dieses Urteil? 

Ich freue mich, dass Jones haftbar gemacht wird, und hoffe, dass jetzt auch andere Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Nach fast zehn Jahren missbrauchen Leute immer noch das Bild und den Namen meines Sohnes für ihre Lügen. Ich mache mir keine Illusionen, dass dies auf wundersame Weise mit Jones‘ Urteil enden wird. 

Tragödien wie die unsere werden im Netz wie Reality-Shows betrachtet

Im Dezember jährt sich der Todestag Ihres Sohnes zum zehnten Mal. Sie mussten seitdem knapp ein Dutzend Mal umziehen, untertauchen, Ihre Identität verbergen. Wieso?

Meine Familie und ich gerieten ins Visier von Verschwörungstheoretikern. Tragödien wie die unsere werden im Netz wie Reality-Shows betrachtet. Die Leute nahmen die Sandy-Hook-Medienberichte auseinander und bezeichneten uns alle, die getöteten Kinder, die Opfer und deren Angehörigen als Schauspieler. Jeder Journalist, jeder Augenzeuge wurde beschuldigt, an einer Inszenierung, einer großen Lüge beteiligt zu sein. Ein seltsames Phänomen, das da in den letzten zehn Jahren im Netz entstanden ist und das sich seitdem enorm ausgeweitet hat.

Titelseite der New York Times vom 14. Dezember 2012

Welche Rolle spielte Alex Jones dabei?

Alex Jones hat über die Jahre mit Infowars eine Plattform geschaffen, die ihm Autorität und eine unvergleichliche Reichweite verlieh. Er indoktrinierte seine Anhänger, dass er der Herr über die Wahrheit sei und machte seine Lügengeschichten zu Geld. Er hat beispielsweise einen Artikel veröffentlicht, dass mein Sohn Noah ein Schauspieler sei, der in Tragödien auf der ganzen Welt als Opfer-Darsteller eingesetzt würde. Und sowas wurde dann über das Infowars-Netzwerk Millionen und Abermillionen mal geteilt, ebenso wie andere Texte von Alex Jones, die sich gegen meinen ermordeten Sohn und seine Mutter richteten. 

Wie haben Sie reagiert?

Ich hatte schon früh damit begonnen, dagegen zu halten. Im Januar 2013, nur wenige Wochen nach der Tragödie, hatte ich Alex Jones und seine Plattform Infowars eine E-Mail geschrieben und ihm mitgeteilt, dass ich sehe, was er tut und was er sagt, und dass er damit aufhören muss. Ich sprach öffentlich in Interviews darüber, was diese Leute tun. Ich begann damit, ihre Lügengeschichten bei Facebook und Google zu melden und versuchte, ihre Videos löschen zu lassen.

Sie haben keine Vorstellung, was passiert, wenn sich ein solcher weltweiter Online-Mob auf Sie einschießt.

Eine Art Duell im digitalen Raum?

So könnte man es nennen. Aber es war keine Offensive wie bei einem Duell. Ich habe lediglich eine Linie gezogen und gesagt: Bis hierher und nicht weiter. Mehr als dieses Maß an Belästigung und Verleumdung akzeptiere ich nicht. Wenn Sie auf mein Kind abzielen, mein ermordetes Kind, wenn Sie meine Familie angreifen, werde ich alles tun, um den Inhalt zu entfernen.

Audio: Lenny Pozner erklärt wie der Hass aus dem Netz sein Leben auf den Kopf stellte

Was passierte dann?

Die fanden heraus, wer ihre Videos sperren ließ und veröffentlichten meinen Namen. Sie beschuldigten mich, ihnen ihre Meinungsfreiheit genommen, Videos und Websites entfernt zu haben. Und von da an wurde es immer schlimmer. Weil ich mich gegen ihre Lügen zur Wehr setzte, wurde ich zu diesem Feindbild für diese Leute. Sie haben keine Vorstellung, was passiert, wenn sich ein solcher weltweiter Online-Mob von Leuten, die in einer Art Science-Fiction- Realität leben, zusammenschließt und sich auf Sie einschießt!

Wie muss man sich so etwas vorstellen?

Diese Leute fingen damit an, mir im Netz nachzustellen und in meiner Vergangenheit zu wühlen, mehr Lügen über mich zu erfinden und diese zu verbreiten. Sie sagten: Du wirst für deine Verbrechen bestraft. Du wirst für das, was du getan hast, zur Verantwortung gezogen. 

Der Schock über die Tragödie wird auf die Opfer umgeleitet

Die Opfer eines Gewaltverbrechens werden zu Tätern stilisiert?

Ein einzigartiges Phänomen. Der Schock über die Tragödie, in unserem Fall ein Schulmassaker, wird auf die Opfer umgeleitet. Die Opfer werden plötzlich dafür verantwortlich gemacht, diesen Schmerz zu verursachen, dass Frauen und Kinder ermordet worden sind. Eine solche Verleugnung der Tatsachen hilft diesen Menschen offenbar, mit der Realität umzugehen. Und das eskaliert dann im Netz, zieht immer weitere Kreise.

Wie hat sich das auf Ihr Leben ausgewirkt?

Ich muss sehr vorsichtig sein, wie ich lebe. Ich gebe nicht bekannt, wer ich bin. Ich rede nicht viel darüber, wenn ich mich vorstelle, weil ich mir Sorgen darüber mache, wie die Leute reagieren könnten. Ich nehme an einem staatlichen Programm teil, das es mir erlaubt, dass ich nirgendwo mehr meine Wohnadresse angeben muss.

In meinem Podcast DIE ZEITRAFFER bei t-online diskutiere ich mit der Grünen-Politikerin Renate Künast über den Fall Lenny Pozner und den Kampf gegen Hass im Netz.

Welche Rolle spielen Unternehmen wie Facebook oder Google [Anm. der Red.: die Muttergesellschaft von YouTube] bei dieser Online-Hetze?

Nun, abgesehen von den Personen, die diese Lügen in die Welt gesetzt haben, tragen die Social-Media-Unternehmen die größte Verantwortung. Sie sind diejenigen, die all das verstärken und an Millionen und Abermillionen von Menschen verbreitet haben. Ohne sie wäre so etwas nicht möglich gewesen. Sie haben Schuld auf sich geladen. Das ist ein historischer Fakt und kann auch nicht durch irgendwelche PR-Kampagnen geleugnet oder abgestritten werden. 

Ohne Facebook und Google wäre so etwas nicht möglich gewesen. Sie haben Schuld auf sich geladen.

Hat sich in den letzten zehn Jahren mal irgendjemand von Google oder Facebook bei Ihnen gemeldet, um sich bei Ihnen zu entschuldigen?

Ich glaube nicht, dass die das jemals tun würden, weil sie dann die Verantwortung für den Schaden übernehmen müssten, den sie verursacht haben. 

Glauben Sie die Führungsspitze der großen Internet-Plattformen wussten, was auf ihren Plattformen verbreitet wurde?

Audio: Lenny Pozner über die Verantwortung von Facebook und Google

Na klar wussten sie Bescheid. Aber diese Leute sind mir egal. Es geht um die Maschinen, die sie in Bewegung gesetzt haben und die unser Leben beeinflussen. Die Künstliche Intelligenz im Netz verfolgt alles, was wir tun. Sie füttert uns mit Dingen, für die wir empfänglich sind. Ich habe die Internet-Bosse immer wieder darauf angesprochen, in Interviews und in den Medien. Irgendwann mussten sie reagieren. Die Tatsache, dass sie dann irgendwann begonnen haben, ihren Kurs zu ändern, ist ihr Eingeständnis, dass sie sich geirrt haben, dass sie echten Schaden angerichtet haben. Und das ist jetzt ein Teil der Geschichte.

Wir existieren sowohl analog als auch digital und alles was wir tun hat Konsequenzen.

Wie konnte es so weit kommen? Haben Sie dafür eine Erklärung?

Jeder weiß heute, dass es keine Trennung mehr zwischen dem realen Leben und der Online-Welt gibt. Wir existieren an beiden Orten und alles was wir tun hat Konsequenzen. Ich erinnere mich, dass ich in einem Interview im Jahr 2015 gesagt habe, dass irgendwann das Kapitol brennen wird. Und wir wissen, was gerade hier in den USA passiert ist. Menschen starben wegen Dingen, die im Internet zirkulierten. Wir wissen also, dass das nichts ist, das einfach nur im Internet bleibt.

Lenny Pozner lebt seit fast zehn Jahren untergetaucht aus Sorge vor neuen Angriffen aus dem Netz

Gibt es Ihrer Meinung nach irgendein Heilmittel gegen den Hass im Netz?

Es gibt kein Heilmittel. Das ist der Kurs, auf dem wir uns befinden. 

Und welcher Kurs ist das?

Die Welt beschleunigt sich weiter. Alles, was heute schlecht ist, bewegt sich noch schneller und wird noch gefährlicher.

Was könnte schlimmer sein, als die Opfer von Gewaltverbrechen zu belästigen?

Mehr Menschen werden Zugang zu dieser Technologie haben, wir verbringen noch mehr Zeit im Netz. Die Technologie wird schneller. Das Interaktionsniveau wird sich erhöhen. Und damit die Probleme.

Die Internet-Konzerne arbeiten schon an den nächsten Technologien, um in virtuelle Welten vorzudringen

Was raten Sie Politikern?

Ich denke, wir müssen die großen Internet-Konzerne sehr genau beobachten, weil die schon an den nächsten Technologien arbeiten. Sie versuchen, in virtuelle Welten vorzudringen, in denen Menschen noch direkter als nur über Video und Audio miteinander interagieren. Und wenn wir eines aus den letzten zehn Jahren gelernt haben: Einem Prozentsatz der weltweit vernetzten Menschen bereitet es offenbar große Freude, anderen Mitmenschen Schaden zuzufügen.

Die EU hat dieses Jahr den Digital Services Act verabschiedet, der Social-Media-Unternehmen dazu zwingt, Hassrede schneller zu löschen. Halten Sie das für die richtige Strategie?

Ja, und das ist absolut die richtige Strategie. Sie versuchen, diese sehr reale Bedrohung, dieses Gift zu bekämpfen.

Die Taten von Menschen und Maschinen müssen Konsequenzen haben, nicht nur finanziell.

Es gibt also Hoffnung?

Es gibt Hoffnung, aber die Internet-Konzerne sind so reich und so mächtig. Ich weiß nicht, ob die angedrohten Geldstrafen einen Unterschied machen.

Was würde Ihrer Meinung nach einen Unterschied machen?

Sie müssen diese Taten kriminalisieren. Die Taten von Menschen und Maschinen, die uns nicht schützen, müssen Konsequenzen haben, und zwar nicht nur finanziell. Diese Konzerne haben mehr Geld, als wir uns vorstellen können, das sind Giganten. Wir wissen doch, was passiert, wenn wir nicht handeln. Ich meine, es kann Bürgerkriege geben. Jemand muss endlich die Verantwortung übernehmen und das nicht nur finanziell.

Audio: Was Lenny Pozner Politikern und Staatsanwälten rät

Sie meinen in letzter Konsequenz, CEOs wie Mark Zuckerberg ins Gefängnis zu stecken?

Gefängnisstrafen für Manager? Ja. Unbedingt. Ich denke, das wird irgendwann passieren. Vielleicht nicht so bald, vielleicht erst in 100 Jahren. Was sonst bleibt noch übrig, in einer Welt ohne Konsequenzen?

Nach dem Schuldspruch und der spektakulären Schadensersatzsumme, die Alex Jones zahlen muss, ist Ihr Kampf zu Ende? Kommen Sie endlich zur Ruhe?

Der Kampf für Noah ist eine lebenslange Aufgabe. Die Internet-Memes, die Beschimpfungen und Verunglimpfungen meines Sohnes im Netz gehen ja weiter. Ich mache mir Sorgen darüber, wer ihn beschützen wird, wenn ich einmal nicht mehr bin.

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1 Kommentare
  1. Wolfgang Duschek schreibt:

    Danke für das interessante Interview mit heutigen Ungerechtigkeiten.

Willkommen!