Unter amerikanischen Jugendlichen ist Snapchat das beliebteste Social Network und hat den Spitzenreiter Instagram überholt. Aber taugt die App auch für journalistische Inhalte oder gar für Breaking News? Mein Kapitel für das Buch Snap me if you can von Philipp Steuer seit heute neu aufgelegt und in erweiterter Fassung. 

 

 

In den vergangenen Jahren habe ich viel mit neuen Medien und Darstellungsformen experimentiert. Für die Tagesschau bloggte ich zur Präsidentschaftswahl von Barack Obama aus Washington. Über den Beginn des arabischen Frühlings twitterte ich direkt vom Tahrir-Platz aus Kairo. Für die Livestreaming-App „Periscope“ gehörte ich zu den weltweit ersten Beta-Testern.

Als mich Philipp fragte, ob ich nicht das News-Kapitel zu seinem Snapchat-Buch beisteuern möchte, habe ich nicht lange überlegt. Philipp und ich kennen uns schon seit geraumer Zeit aus dem Netz unser Faible für Snapchat hat uns im letzten Jahr noch enger zusammen geschweißt.

Schnee von gestern

Snapchat und harte News, das mag vielen Journalisten als abwegig erscheinen. Auch ich fragte mich lange: Wozu wertvolle Inhalte produzieren, die sich nach 24 Stunden selbst zerstören? Doch dann stellte mir ein junger Snapchat-Nutzer folgende Gegenfrage: „Wie oft schauen Sie denn Fernsehnachrichten von vorgestern?“

Der Twitter-Moment

Was den Journalismus betrifft, so denke ich erleben wir mit Snapchat gerade einen neuen Twitter-Moment. Vielleicht erinnerst Du Dich noch an den Tag, als Merkels Regierungssprecher im Jahr 2011 ankündigte, man werde aktuelle Informationen neuerdings nicht mehr nur faxen sondern auch twittern. Ein Aufschrei ging durch die Bundespressekonferenz! „Twitter?“, echauffierten sich die Hauptstadtkorrespondenten: „Ohne uns!“.

Heute ist Twitter im Journalimus kaum noch wegzudenken. Der Kurznachrichtendienst gilt unter Medienmachern als schnellste und umfassendste Informationsquelle überhaupt. Die Genialität hinter Snapchat mag sich dem Nutzer nicht unmittelbar nach der Anmeldung erschließen. Wie seinerzeit bei Twitter benötigte auch ich mehrere Anläufe, bevor es sprichwörtlich snappte, bevor der Groschen endlich fiel.

Nähe und Unmittelbarkeit

Als Reporter-Werkzeug mag Snapchat einige Schwächen haben. Jedoch eines schafft die App grandios: Sie vermittelt eine Form von Nähe und Unmittelbarkeit, wie kaum ein anderes Medium oder Social Network. Da es auf Snapchat nur bedingt möglich ist, Videos nachzubearbeiten, wirken Snaps in ihrer Hemdsärmeligkeit oft authentischer als Fernsehen oder sogar YouTube.

Anders als bisher zählt dabei nicht, wie oft ein Video gesehen wurde (das erfährt der Zuschauer noch nicht einmal!), sondern wie originell ein Inhalt für den Einzelnen war. Ein bewusster Bruch mit traditionellen Währungen wie Quoten oder Klicks. Kein Wunder, warum gerade etablierte Medienvertreter mit dem Konzept Snapchat fremdeln.

Snapchat im US-Wahlkampf

In den USA haben vor allem Politiker das Netzwerk für sich entdeckt. Denn Snapchat bietet die einzigartige Chance, eine Generation zu erreichen, die für klassische Medien nur noch schwer zu greifen ist: die Jugend. US-Präsidentschafts-Anwärterin Hillary Clinton hat seit Sommer 2015 ihren offiziellen Accoount. In Anspielung auf ihre E-Mail-Affäre, scherzte sie: „Ich liebe Snapchat. Die Nachrichten dort zerstören sich alle von selbst!“

Zuvor hatte der Demokrat Martin O’Malley seine Kandidatur exklusiv auf Snapchat bekannt gegeben. Ted Cruz benutzte speziell angefertigte Snapchat-Filter, um seinen Republikaner-Rivalen Donald Trump im Nominierungs-Rennen lächerlich zu machen. Spätestens seitdem das Weiße Haus Anfang 2016 mit dem Snappen begonnen hat, kommt kein Washington-Korrespondent mehr an dem Netzwerk vorbei.

Neue Zukunft für Journalisten 

Wie ernst es Snapchat selbst mit dem Thema News ist, lässt sich allein an der Personalpolitik des Unternehmens ablesen. So warb Snapchat vergangenes Jahr ein gutes Dutzend Journalisten ab, darunter bekannte Namen wie etwa CNN-Reporter Peter Hamby.

Auch platzieren die Kalifornier immer häufiger selbst kuratierte aktuelle Nachrichten-Storys, etwa zu großen Sport- oder Show-Events. In Manhattan hat das Social Network 2015 neue Büros bezogen und zwar die obersten Stockwerke im ehemaligen Redaktionsgebäude der New York Times.

Zwei Wege zum Publikum

Wer Snapchat als Nachrichten-Plattform nutzen will, muss zwischen zwei Arten von Kanälen unterscheiden. Zum einen gibt es die von Philipp bereits erwähnte Discover-Funktion (s. Seite 43). Hier bieten die offiziellen Snapchat-Medienpartner täglich neue professionell aufbereitete Inhalte an.

Zum anderen gibt es die Snapchat-Stories, die jedem Nutzer zur Verfügung stehen und die seit letztem Jahr auch zunehmend von Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen, von Sendern oder einzelnen Reportern betrieben werden.

Offizielle Medienpartner

Die Discover-Seite ist seit Januar 2015 fester Bestandteil der Snapchat-Welt und bietet ausgewählten Medienhäusern die Chance, ihren traditionellen Markennamen einem jungen Publikum bekannt zu machen. Wieviel die Discover-Partner für diese Marketing-Maßnahme zahlen, ist nicht bekannt und mag von Fall zu Fall variieren.

Von der Story zur Snapstory

Daneben gibt es seit 2013 die Möglichkeit, eigene Snap-Storys zu bauen. Wie das funktioniert, hat Philipp ja bereits in den vorangegangenen Kapiteln wunderbar beschrieben. Experimentierfreudige Reporter haben die Methode des Snapchat-Storytellings jedoch noch ein wenig weiterentwickelt.

So teilen sich die Korrespondenten von CNN oder Al Jazeera gerne ein und denselben Snapchat-Account, um über den Tag hinweg eine sich fortschreibende Story zu erzählen. Der Effekt für den Zuschauer: Ein Team von Reportern covert ein und dieselbe Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven.

Bei planbaren Events kann die Stab- bzw. Account-Übergabe nach fest vereinbarten Zeiten erfolgen. Bei Breaking News ist Improvisationstalent gefragt. Hier ergibt sich das Zusammenspiel zwischen den einzelnen Reportern aus der Situation heraus. In solchen Fällen ist vor allem Teamwork und gegenseitiges Vertrauen für den Erfolg der Berichterstattung entscheidend. Ein Grund, weshalb sich Redaktionen schon früh mit den Möglichkeiten von Snapchat vertraut machen sollten, um für den Krisenfall gerüstet zu sein.

Kuratierte Inhalte

Richtig spannend wird Snapchat wenn es um kuratierte Inhalte geht. So bauen Mitarbeiter des Netzwerks zu bestimmten Anlässen öffentlich publizierte User-Snaps zu kleinen Geschichten zusammen. So gab es beispielsweise zur Eröffnung des Münchner Oktoberfests ein Snapchat-Special mit aktuellen Snaps aus München. An Feiertagen werden die besten Snaps von Nutzern rund um den Globus aneinandergereiht. Auch User-generierte Bilder oder Videos rund um große Show- oder Sport-Events werden zentral zu kurzweiligen Snapchat-Stories zusammengefügt und über die App entweder lokal für das jew. Land oder aber auch global ausgespielt. 

Breaking News

Eine völlig neue Qualität erreicht das Prinzip dieser Nutzer-generierten Berichterstattung bei Katastrophen oder Gedenkfeiern, etwa zu den Terroranschlägen von Paris. So wurden die von Snapchat aktiv geteilten Augenzeugen-Snaps aus dem kalifornischen San Bernardino, kurz nach Beginn des Amoklaufs vom Dezember 2015, auch in den USA hitzig diskutiert.

Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass drastische Fotos und Videoschnipsel, aufgenommen von Opfern, Rettungskräften oder Schaulustigen, ihren Weg ins Netz finden. Ob und wie man diese aufgreift und weiterverbreitet, ist und bleibt die Aufgabe eines jeden verantwortungsbewussten Journalisten.

Dieser Text stammt aus Snap me if you can, ein Buch für alle, die Snapchat endlich verstehen wollen. Das komplette eBook gibt es hier als Download

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7 Kommentare
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