Viel ist geredet worden über Alte und Neue Medien, über die böse Kostenloskultur (=Internet), über mögliche Heilsbringer (=iPad), über die Einführung einer Leistungschutzgebühr für sog. „Qualitätsmedien“. Das Problem: Oft wird an den Symptomen herumgedoktert, statt an der Wurzel. Der klassische Journalismus ist in die Jahre gekommen und droht, zu erblinden.

7 Tage lang hatte ich diese Woche Dienst in einer deutschen Nachrichtenredaktion. 7 Tage lang habe ich „the Making of“ einer Nachrichtensendung miterlebt, von der Themenauswahl der bis hin zur Live-Sendung. 7 Tage lang habe ich beobachtet, wie eine Nachricht seinen Weg über die klassischen Gatekeeper in die breite Öffentlichkeit findet – oder auch nicht.

Stolz und Vorurteil

Ich mache diesen Job schon einige Jahre, bin stolz wie am ersten Tag auf die Professionalität, mit der wir arbeiten. Wie es uns gelingt, binnen kürzester Zeit aus dem Nichts eine Livesendung zu stemmen – mit Korrespondentenschalten, Expertengesprächen und Hintergrundfilmen – das macht uns so schnell keiner nach!

Gelegentlich mache ich mir aber auch Gedanken über den Automatismus, der sich in unseren Redaktions-Alltag geschlichen hat. Die immer gleichen Beiträge, die immer gleichen Rituale, nach denen wir unsere Nachrichten-Sendungen bauen, und natürlich mache ich mir auch Gedanken über meine eigene Rolle in diesem Spiel.

Spanische Revolution

Stell Dir vor es ist Revolution und keiner sieht hin – so geschehen vergangene Woche in so ziemlich allen deutschen Nachrichtenmedien. Man muss sich das einmal vorstellen: Mehrere Zehntausend junge Spanier landesweit Tag und Nacht auf der Straße, und in den deutschen Medien kein Wort davon. Wie es der Zufall so will, war ich bis Ende letzter Woche selbst noch in Madrid, stand auf dem Puerta del Sol, dem spanischen Tahrir-Square. Die Sensibilität also war da, warum haben auch wir über dieses Phänomen erst so spät berichtet?

Als die ersten Tweets von der #spanishrevolution die Runde machten, war ich skeptisch. Wegen der zahlreichen Wahlplakate, mit denen Madrid zugepflastert war, wusste ich natürlich von den bevorstehenden Kommunal- bzw. Regionalwahlen. Mein erster Gedanke: versucht hier etwa ein politisches Lager, im Windschatten von Tunesien oder Ägypten parteipolitisch zu punkten? Ich hielt mich zurück mit meinen Retweets, wollte erst einmal für mich verstehen, worum es hier wirklich geht.

Spanische Konquistadore

Spanische Dörfer

Auch ich war überrascht über die wenigen Berichte, die ich in den On- und Offline-Angeboten der deutschen Qualitätsmedien gefunden habe. Die meisten Meldungen aus der Region drehten sich um Sebastian Vettel und den bevorstehenden „Großen Preis von Spanien“. Wie ist es möglich, dass sich die Wirklichkeits-Wahrnehmung von Blogosphäre und Nachrichtenwelt derart diametral gegenüber steht?

In meiner Verzweiflung tat ich etwas, was wir Nachrichtenleute nur selten tun, wenn es keinen konkreten Auftrag dazu gibt: ich griff zum Telefonhörer und telefonierte die Spanien-Korrespondenten einiger großen deutschen Medienhäuser ab. Hier einige Statements:

„Die Eigendynamik, die das hier entwickelt, hat viele überrascht“

„Es ist schwer auszumachen, wer eigentlich hinter dieser Bewegung steckt“

„Ich möchte nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, wie das hier weitergeht“

(Zur Info: die Telefonate fanden Dienstag und Mittwoch verg. Woche statt, es handelte sich um Hintergrundgespräche, daher keine Namen)

Angemessene Berichterstattung

Vielleicht überrascht es Euch, wenn ich heute, 7 Tage nach Ausbruch der Proteste (und nach meinen eigenen 7 Tagen „Nachrichten-Dienst“ im Bayerischen Rundfunk) zu dem Schluss komme: Ich halte den Umgang der klassischen Medien mit dem Thema Spanien im Großen und Ganzen für angemessen. Das hat vielerlei Gründe:

  • Die internationale Nachrichtenlage derzeit ist verrückt (Bin Laden, Strauss-Kahn, Euro-Rettung, Atom-Diskussion, Obama-Rede an die Arabische Welt)
  • Klassische Nachrichtenangebote sind begrenzt, zeitlich (Radio und Fernsehen) bzw. räumlich (Zeitungen und Zeitschriften), müssen das „große Ganze“ im Auge behalten
  • Im Vergleich zu Tunesien, Ägypten, Syrien, Libyen, Jemen ist es bei den Protesten in Spanien bislang zu keinen größeren Ausschreitungen gekommen
  • Die Teilnehmerzahlen variierten stark, oft war die Rede von nur mehr wenigen Tausend
  • Seit Mittwoch (immerhin!) gab es die ersten Korrespondentenberichte im Radio (DRadio) und bei Spiegel Online, seit Donnerstag berichtete auch die Tagesschau

El Ángel Caído – Der gefallene Engel in Madrid

Überheblichkeit und Ignoranz

Was mich jedoch schockiert – und genau hier setzt meine Kritik an: Keiner der klassichen Gatekeeper, sei es in der eigenen Redaktion, sei es in den anderen Häusern, mit denen ich diese Woche über in Kontakt stand, hatte das Thema „Spanien“ überhaupt auch nur auf dem Radar. Proteste in Spanien? Nie gehört.

Natürlich wollte ich wissen, woran das lag. Hier einige Reaktionen:

„Ich hab‘ mal in den Agenturen nachgesehen. Da ist die Rede von einigen Tausend. Das ist nichts Besonderes.“

„Dieses Twitter sollte man mit Vorsicht genießen. Das ist doch eine kleine selbstreferentielle Gruppe, die haben oft eine recht eigentümlich Wahrnehmung der Dinge“

Ein Spanien-Korrespondent in Madrid:

„Ich muss dazu sagen, ich hatte diese Woche viele andere Dinge zu erledigen, deshalb bin ich noch nicht dazu gekommen, mich um die Proteste hier zu kümmern.“

Zeit für Selbstreflektion

Doch bevor Ihr Euch in einem Shitstorm über die Ignoranz der bösen klassischen Medien verliert, macht doch bitte selbst einmal den Test:

Wie viele Eurer Kollegen/innen twittern? Wie viele Unternehmen benutzen Facebook & Co nach wie vor überwiegend in eine Richtung, nämlich, nach dem klassischen Sender-Empfänger-Prinzip, von oben nach unten? Oder umgekehrt: Wie viele Eurer Kollegen begeben sich heute auf Themensuche ins Netz, anstatt die immer gleichen Schlagzeilen von Bild und Spiegel wiederzukäuen, respektive ihre eigene Agenda von Pressekonferenzen und Tagungen diktieren zu lassen?

Fazit

Mein Resumé dieser Nachrichtenwoche: Die Medien haben vielleicht ein wenig spät aber letztendlich professionell und angemessen auf die Proteste in Spanien reagiert. Zugleich bewiesen sie aber einmal mehr eine fast schon sträfliche Ignoranz gegenüber neuen Informationstechnologien wie Twitter und Blogs.

In Zeiten der Informationsexplosion durch das Internet wollen wir Journalisten Garant sein für Qualität und Anspruch, Leuchttürme im Datenmeer des Netzes. Doch wie wollen wir diesen hehren Ansprüchen gerecht werden, wenn wir gegenüber Kulturtechnologien wie Twitter, Facebook und Blogs, auf beiden Augen blind sind?

Anders ausgedrückt: Auf einer Reise in einen noch unbekannten Kontinent – würdet Ihr Euch einem Reiseleiter anvertrauen, der selbst noch nie da war und noch nicht einmal die Grundlagen der dort üblichen Landessprache beherrscht?

Ein eigenartiges Selbstverständnis von einer Profession, die sich selbst als Informations-Elite versteht. Mir jedenfalls kommt das spanisch vor.

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45 Kommentare
  1. Hebras schreibt:

    Diese differenzierte Kritik spiegelt Weitsicht und Verständnis wieder. Genau diese Art braucht man um Räder ins rollen zu bringen. Ich bin nicht der Meinung das die Prioriäten der klassischen Medien richtig gesetzt werden. Ich bin aber voller Hoffnung das sich meine Vorstellung von „Nach-richten“, sich auch irgendwann bei den großen Medien etablieren wird. Ich bin sehr glücklich in dieser Welt des großen Wandels zu leben.
    Der Beitrag hat mir sehr gut gefallen. Danke

  2. Benedikt schreibt:

    Zu einem ganz ähnlichen Ergebnis bin ich auch gekommen (hier nachzulesen: http://www.slow-media.net/tribales-trommeln) – eine sehr unübersichtliche Lage (Hunderte?Tausende? Zehntausende?Hunderttausende?), aber fast keiner macht sich die Mühe, einmal vor Ort nachzusehen. Auch die Geschichte „Da ist wirklich nichts los, wir können und jetzt wieder den Budapester Sexorgien widmen“ wäre eigentlich berichtenswert. Ich meine: dass in Ägypten niemand vor Ort war, kann man noch verstehen. Aber Spanien? Ein Land mitten in Europa mit einer der jüngsten Demokratien – das ist doch Teil der massenmedialen Job Description wenigstens einmal nachzusehen …

    • Richard Gutjahr schreibt:

      Danke Benedikt. Habe mir Deinen Blogpost schon vorgemerkt und will ihn später auch noch im Artikel oben verlinken. Habe nur selbst gleich wieder Sendung und bin daher noch nicht dazu gekommen. Sollte öfter Euer Slow Media Manifest beherzigen ;-)

Willkommen!