Mit der Kontrolle von Telefonen, Mails und dem Abfotografieren von Briefen verraten die Amerikaner ihre eigenen Ideale. Und die Menschen in den USA und Europa schweigen. Ein Kommentar.

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Stell Dir vor es ist Krieg, ein Krieg gegen uns Bürger, und keine Sau interessiert’s. Kein Tag ohne neue Enthüllungen, für die vor nicht allzu langer Zeit die verantwortlichen Machthaber von ihrem eigenen Volk zum Teufel gejagt oder gar gelyncht worden wären. Und heute? Allgemeines Schulterzucken und Schweigen.

Gestern war Independence Day, Amerikas wichtigster Feiertag des Jahres (dazu lustige Tweets aus meiner Timeline gestern zum 2013. Geburtstag der Vereinigten Staaten). An diesem Tag feiern die Amerikaner die Gründung ihres Staates und ihre Verfassung, die jedem Individuum Schutz vor staatlicher Repression garantiert. Amendment 4 der Constitution sieht vor, dass weder Häuser noch Dokumente ohne besonderen Anlass durchsucht werden dürfen. Eine Errungenschaft, für die hunderttausend Menschen im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg ihr Leben ließen.

Der Fall Snowden ist kein Skandal, der irgendwo im fernen Amerika spielt. Er betrifft uns alle, gerade hier und heute in Deutschland. 500 Millionen Daten fischen die US-Geheimdienste Monat für Monat bei uns ab. Eine Erkenntnis, die wir nicht etwa unserem Bundesnachrichtendienst, dem Innenministerium oder der sog. vierten Gewalt im Lande, der Presse, zu verdanken haben, sondern einem einzigen mutigen Mann: Edward Snowden.

Ein Mann, den unser Bundespräsident letzte Woche als möglichen Verräter bezeichnete. Ausgerechnet Joachim Gauck, der frühere Leiter der Stasi-Untersuchungsbehörde! Wenn Menschen zu Tode hungern, um bei uns in Deutschland Asyl zu bekommen, dauert es 14 Tage, um die Anträge zu bearbeiten – im „Schnellverfahren“ wie es hieß. Bei Snowden sind vom Eingang seines Asylgesuches bis zur Ablehnung durch die Bundesregierung keine zwölf Stunden vergangen.

Die Telefone von Abermillionen unbescholtener Bürger werden überwacht, sämtliche E-Mails abgefangen, Postbriefe abfotografiert (160 Milliarden allein letztes Jahr), Botschaften und EU-Büros verwanzt, Präsidentenflugzeuge gestoppt. Die ganze Welt ist verrückt geworden, twittert die argentinische Staatspräsidentin Kirchner und irgendwie hat man das Gefühl, das ist die Untertreibung des Jahres.

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24 Kommentare
  1. Andreas Voetz schreibt:

    Ich wusste gar nicht, dass die USA zu Christi Geburt gegründet wurde ;-)

  2. Luca schreibt:

    Es geht mir ganz genau so – ich bin ziemlich erschüttert, wie gering doch die Aufregung in meinem Umfeld ist. Es juckt extrem viele Menschen einfach überhaupt nicht – vor allem auch solche, von denen ich es erwartet hätte. Unkenntnis und Desinteresse herrschen vor – und auch das Schweigen der Kanzlerin schadet ihr offenbar in keinster Weise (siehe aktuelle Sonntagsfragen). Ich bin erschüttert, das so wenig Menschen erschüttert sind.

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