Brillenträger. Was haben wir sie verspottet, damals in der Schule. Spätestens seitdem gerade Computer-Nerds im Silicon Valley zu Multimillionären aufsteigen, sind sie gesellschaftlich nicht nur rehabilitiert. Brillenschlangen gelten heute als das neue Sexy.

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Ob Norbert Röttgen, Alexander Dobrindt oder Christian Wulff – viele Polit-Promis wittern ihre Chance. Statt sich länger hinter konturlosen Kassenbrillen zu verstecken, heißt es heute Angriff nach vorn: Nerd-Brille auf, die eigene Unzulänglichkeit offen zur Schau tragen, Minderwertigkeitsgefühle in Stärke umwandeln. Und was soll ich Euch sagen – die Rechnung scheint aufzugehen!

Beispiel Guido „es-ist-Deutschland-hier“ Westerwelle: Vor Jahren noch, als ein BBC-Journalist den damals frisch gebackenen Außenminister bei einer Pressekonferenz bat, auf Englisch zu antworten, weigerte sich Westerwelle beharrlich. Offenbar fürchtete Guido, sich mit seinem Schul-Englisch auf internationalem Parkett zu blamieren. Heute, wo er eine fette, schwarzumrandete Brille trägt, gibt Westerwelle TV-Sendern wie CNN Interviews in nahezu perfektem Englisch. From zero to hero – fast ist es so, als verleihe ihm die neue Brille Superkräfte! Seinem Nachfolger im Amt, Frank-Walter Steinmeier, scheint diese Transformation nicht verborgen geblieben zu sein. Flux tauschte auch er seine Draht-Brille gegen das Nerd-Modell. Es würde mich nicht wundern, wenn Steini bei seiner nächsten Moskau-Reise fließend russisch parliert und Putin unter den Tisch trinkt.

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Was aber hat es mit diesen Nerd-Brillen auf sich? Reine Psychologie? Eine optische Täuschung? Seit letzter Woche sehe ich klarer. Der Druckerhersteller Epson hat mich zur Präsentation seiner neuesten Entwicklung eingeladen: eine Smart-Brille in Konkurrenz zu Google Glass. Mit ihrem dicken Rahmen gleicht sie rein äußerlich den ach-so-hippen Polit-Modellen. Das Geheimnis aber liegt in den Gläsern: Auf die Glasoberfläche wird halbdurchlässig ein Computerbildschirm projiziert, der mit dem Internet verbunden ist. Ob unsere Politiker heimlich schummeln, und ihre geschliffenen Worte in Wahrheit ablesen?

glasses2Lange wird es nicht mehr dauern, dann werden wir alle mit solchen Gläsern herumlaufen. Dann werden diejenigen Menschen als schlau gelten, die ohne Brille auskommen. Nicht, weil die so gebildet sind und sich alles auswendig merken können. Wirklich smarte Menschen tragen dann nämlich Kontaktlinsen, die einem die gewünschten Informationen direkt auf die Netzhaut projizieren. Es heißt, nicht nur Google arbeite schon daran.

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Hands on: Epsons Antwort auf Google Glass

Eine Smart-Brille – von Epson? Von Epson?! Yep, richtig gelesen. Ausgerechnet der Drucker- und Projektor-Hersteller Epson will Google mit einem eigenen Brillen-Konzept zuvor kommen. Während der Suchmaschinenbetreiber aus Mountain View den Marktstart von Google Glass immer weiter nach hinten verschiebt, soll Epsons Modell schon im April in die Läden kommen. Erst in den USA (699,- US$), einen Monat später auch bei uns in Deutschland (klar: 699,- €).

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Die Moverio BT-200 wurde zum ersten Mal auf der CES in Las Vegas präsentiert. Anders als Google Glass setzt Epson auf das Thema Augmented Reality. Durch die beiden halbdurchsichtigen Bildprojektionen, die, sobald man die Brille aufsetzt, zu einem einzigen Bild verschmelzen, ist es möglich, 2- aber auch 3-dimensionale Objekte über das Blickfeld zu blenden. Bei einer Vorführung in München wurde das anhand von Filmen, Sportübertragungen, aber auch Games demonstriert. Spannend auch die Möglichkeit, Reperaturanweisungen aus der Ferne, direkt auf die Brille übertragen zu bekommen (Video). Das SDK für App-Entwickler soll ab März angeboten werden.

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Zu den technischen Features: Binokular (zwei Projektionen), WiFi, Bluetooth 3.0, Kamera (nicht für Fotos!), Gyro, GPS, Beschleunigungsmesser, Kompass, Mikrofon. 1,2 GHz-Dual-Core, 1 GB Arbeitsspeicher, 8 GB interner Speicher (auf 32 GB erweiterbar), Akku bis 6 Stunden, Dolby Digital Plus, Surround. Gewicht: 88 Gramm – ohne Kabel und Steuereinheit. Ja – und genau hier ist der Haken an der ganzen Geschichte: Die Brille ist durch ein Kabel (!) an ein Smartphone-großes Kästchen verbunden, das man bei sich tragen muss, damit die Brille überhaupt funktioniert.

Kurzum: Ein Prototyp, der zumindest erahnen lässt, wohin die Reise geht.

 
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6 Kommentare
  1. Petra schreibt:

    Wenn sich jetzt das „smartphonegroße Kästchen“ als ein echtes Smartphone mit Brille statt mit Ohrstöpsel herausstellen würde, dann würde ich schon mal anfangen zu sparen.

    • Richard schreibt:

      Kann nicht mehr all zu lange dauern. Aber diese Brille ist es definitiv noch NICHT.

  2. Hannes Schleeh schreibt:

    Hallo Richard,

    wo ist das Kabel für die Batterie bei Steinmeier? :-) Noch halten die Brillen nur gute 20 Minuten am Stück durch. An der Epson hängt die Batterie wie man auch schön auf Deinem Bild sehen kann an einem hässlichen dicken schwarzen Kabel.

    Aber der in Deinem Artikel geschilderte Einsatzzweck könnte wirklich bald zur Killerapplikation bei Politikern werden. Die Entourage im Ü-Wagen bespielt die Brille live mit den passenden Aussagen. Der Politiker als ferngesteuerter Ableser, gefällt mir!

    Gruß

    Hannes

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