Youtube ist ein beliebtes Sprachrohr für Neonazis und Hassprediger. Jahrelang hat Google das Problem ignoriert, bewusst weggeschaut. Jetzt hat der Konzern angekündigt, härter gegen Hetzer vorgehen zu wollen. Der Zeitpunkt ist kein Zufall.

 

Es tobt ein fürchterliches Gewitter als mich vor ein paar Tagen die Nachricht erreicht: Youtube wolle in Zukunft verstärkt gegen Hate Speech vorgehen.

Was ich da lese, kann ich kaum glauben. Nach den Massenmorden von Sandy Hook, Parkland, Pittsburgh, Christchurch. All die Jahre, in denen Hetzer, Homophobe und Verschwörungstheoretiker die Opferfamilien dieser Gewaltverbrechen auf Youtube – bis zum heutigen Tag – seelisch fertigmachen. Für Klicks, Reichweite und ein paar lausige Werbe-Dollar.

Ich kämpfe mit den Tränen. Sollte es Youtube diesmal wirklich ernst meinen und diese „Content-Creator“ nicht länger in Schutz nehmen, sondern endlich von ihrer Plattform werfen?

 

Youtube-Hits: Nach jedem Gewaltverbrechen werden die Opfer auf YouTube verhöhnt und über Jahre hinweg fertig gemacht

 

Doch dann erinnere ich mich an meine Gespräche und Auseinandersetzungen mit Google. Die zahllosen Versuche bei Google Deutschland, wenigstens die Verschwörungs-Videos über meine Frau und Kinder zu entfernen. Die Hinweise auf rechtsextreme Netzwerke und Strukturen hinter Dutzenden von Youtube-Videos. Das Flehen der Betroffenen und Opferverbände, Youtube möge doch endlich seine Verantwortung wahrnehmen und die offene Hetze und seelischen Grausamkeiten unterbinden.

Plötzlich kommen mir Zweifel. Google hat sich doch bislang nicht für die Opfer ihrer Hass-Maschine interessiert. Warum jetzt?

 

Nicht böse sein reicht nicht mehr

Als vor über 20 Jahren Google ans Netz ging, hatten Larry Page und Sergey Brin eine Mission: Die Informationen der Welt zu ordnen und für alle Menschen zugänglich zu machen. Den Gründern war schnell klar, dass der wachsende Erfolg ihrer Suchmaschine auch große Verantwortung bedeutet.

„Don’t be evil“ ist nicht gut genug, so Jeff Jarvis. „You actually have to do good!“

Binnen weniger Jahre waren sie zu den Chefredakteuren des World Wide Web geworden. Ihre Algorithmen entschieden darüber, was auf „die Eins“ kam und was weiter hinten im Vermischten landete. Das inoffizielle Motto „Don’t be evil“ war geboren.

Doch wie Jeff Jarvis („What would Google do?“) sagt: Nicht böse zu sein, reicht nicht mehr. Seine unmissverständliche Forderung an Google heute lautet: You actually have to do good!

Heute glauben mehr Menschen, dass die Erde flach, der Klimawandel eine Lüge und dass Kinderimpfung gefährlich ist, als in der Zeit vor dem World Wide Web. Wo also hat der Wissens-Vermittler Google versagt?

 


 

Nährboden für Volksverhetzung

Spinner und Populisten hat es schon immer gegeben. Doch noch nie hatten sie die Möglichkeit, mit wenig Aufwand ein Millionenpublikum zu erreichen. Vor allem Youtube sollte zu ihrer Bühne werden. Kein Ort im Netz ist ein größerer Nährboden für Volksverhetzung und Verschwörungstheorien – eine Petrischale des Hasses.

Wie ein Inkubator werden die Hasskulturen durch die Autoplay-Funktion der Videoschleuder systematisch vermehrt und verbreitet. Der User muss nichts weiter tun, als zu warten. Nach zwei bis drei Video-Empfehlungen landet er bei Produktionen aus der Truther-Szene. Und auf einmal ist man mitten drin, in einer Kloake aus volksverhetzenden und menschenverachtenden Verschwörungstheorien.
 
Lesetipp: The Making of a Youtube Radical (NY Times)
 

Content, wie ihn Youtube liebt: die Videos eines Rechtsextremisten aus Mecklenburg

 

Bad virality

Wenn Demagogen mit aktiver Hilfe von Youtube weltweit ihr Gift versprühen, hat das Konsequenzen für uns alle. Klick für Klick sickert das toxische Gemisch aus Halbwahrheiten und Diffamierungen in die Gesellschaft und breitet sich dort aus wie ein Krebsgeschwür.

Klick für Klick sickert das toxische Gemisch in die Gesellschaft und breitet sich aus wie ein Krebsgeschwür

Aus der Medizin wissen wir, wenn Krebszellen nicht frühzeitig bekämpft werden, infiziert sich der gesamte Organismus, bis es irgendwann zu spät ist. Bei Google gibt es intern sogar einen Begriff für diesen Effekt: „bad virality“.

 

Stadt ohne Regeln und Konsequenzen

Die Techkonzerne haben öffentliche Räume geschaffen, ohne für die notwendige Infrastruktur zu sorgen, um ein zivilisiertes Miteinander zu gewährleisten. Tech-Journalistin Kara Swisher vergleicht das gegenüber Twitter-CEO Jack Dorsey mit einer Millionenmetropole, die man errichtet habe, ohne sich dabei mit so lästigen Dingen aufzuhalten wie Straßenschildern, Müllentsorgung oder Polizeiwachen.

Das Fatale: Dieser digitale Ort ist untrennbar mit unserer physischen Welt verknüpft. Das heißt, was im Netz geduldet, von Googles und Facebooks Algorithmen gar noch mit zusätzlicher Reichweite belohnt wird (übrigens auch mit Geld), ändert auch unser Handeln in der analogen Welt. Oder anders: What happens in Vegas, doesn’t stay in Vegas.

 

Radikalisierung der Gesellschaft

Es lässt sich nicht abstreiten, dass sich unsere Gesellschaft in den zurückliegenden Jahren radikalisiert hat. Dazu muss man nicht nach Indien oder Myanmar schauen. Dazu reicht ein Blick in die hiesigen Polizei– und Verfassungsschutzberichte.

 

Anstieg der Hass-Kriminalität in London

 

Der Treffpunkt, an dem sich Reichsbürger, Neonazis und andere Rassisten begegnen und neue Anhänger rekrutieren: Youtube. Kein Ort im Netz ist ein größerer Nährboden für Volksverhetzung und Verschwörungstheorien – eine Petrischale des Hasses.

 

Denn sie wissen sehr wohl, was sie tun

Das Perfide: Bei Youtube, also Google, ist man sich des Problems durchaus bewusst. Wie seinerzeit bei Philip Morris und Big Tabacco wissen die Tech-Konzerne seit Jahren, dass ihre Produkte Krebs erzeugen. Doch statt diesen zu bekämpfen, sorgen sie sogar für noch mehr Abhängigkeit (Project „Reinforce“).

Wie seinerzeit bei Big Tabacco wissen die Tech-Konzerne seit Jahren, dass ihre Produkte Krebs erzeugen

Googles Glutamat sind seine Algorithmen. Geschmacksversärker, die nicht nur süchtig machen, sondern so programmiert sind, dass sie Engagement steigern, die User also noch länger und intensiver an ihre Plattform binden. Und nichts erzeugt im Netz soviel Engagement, wie Hass und Verleumdung.

Projekt „REINFORCE“ – Empfehlungs-Algorithmus, um die User länger an die Plattform zu binden (Quelle: Youtube :-)

 

Projekt „Boil The Ocean“

In einem der rar gesähten Berichte aus dem Innercircle von Google zitiert Bloomberg langjährige Mitarbeiter, die Bekämpfung von Hassvideos habe in der Konzernspitze nie Priorität gehabt.

Im Gegenteil. Mit Programmen wie „Project Bean“, „Boil The Ocean“ oder auch „BTO3“ hat man sogar überlegt, Youtuber, die mit ihren Videos für besonders viel Engagement sorgen, finanziell an Gewinnen zu beteiligen, unabhängig von Werbebannern oder Werbespots in ihren Videos. Eine solche Maßnahme hätte Haßpredigern wie Alex Jones Millionen beschert.

 

 

Moderation kostet Geld

Selbst wenn es Google mit seiner jüngsten Ankündigung ernst wäre; das Filtern von Inhalten ist kompliziert und teuer. Maschinen sind noch nicht in der Lage, zwischen Hass, Satire und andere Nuancen menschlicher Kommuniktaion zu unterscheiden.

Wäre „Rezo“ ein Hassprediger und müsste von der Plattform verbannt werden? Was ist mit Äußerungen der AfD? Den Holocaust zu verleugnen steht in Deutschland unter Strafe, in den USA nicht. Wo genau verläuft die Grenze zwischen freier Meinungsäußerung und Zensur?

Youtube müsste weltweit massiv Personal aufbauen, um die Plattform gewissenhaft zu pflegen. Ein Schritt, vor dem sich der Mutterkonzern stets gedrückt hat.

 

Youtube – Plattform oder Medienhaus?

Es gibt aber noch einen ganz anderen Grund, weshalb Google kein wirkliches Interesse hat, das Hass-Problem aktiv zu lösen:

Würde man allzu aktiv eingreifen, könne man nicht länger behaupten, „nur“ eine Plattform zu sein

Das Management befürchtet, würde man allzu aktiv in die Moderation von problematischen Videos eingreifen, könne man nicht länger von sich behaupten, „nur“ eine Plattform zu sein, statt ein Medienhaus, mit all den publizistischen Verpflichtungen, die damit einhergingen.

Sie distribuieren, vermarkten, lizensieren und produzieren zum Teil sogar eigene Inhalte. Die Parade-Definition eines Medienunternehmens. In einem kürzlich erschienenen Artikel des Bay Area Reporters, einer Publikation der LGBTQ-Community, wird ein Google-Mitarbeiter zitiert:

 

„They want to have it both ways: to monetize the engagement that comes from really odious content, but to bear no responsibility for it.“

 

Der Fall Carlos Maza

Was die jüngste Ankündigung von Google in der Praxis wert ist, ließ sich letzte Woche gut am Fall von Carlos Maza beobachten. Der Vox-Journalist hatte Google öffentlich kritisiert, weil er seit Monaten von einem bekannten Youtuber aufgrund seiner Homosexualität und Abstammung verspottet wird. Youtube prüfte den Fall und ließ den Hassprediger gewähren.

 

 

Nach dem Shitstorm, der sich daraufhin im Netz aufbaute, korrigierte Youtube seine ursprüngliche Entscheidung und entzog dem Youtuber die Möglichkeit, am Werbeprogramm der Plattform zu partizipieren. Die Hetz-Videos selbst rührte Youtube nicht an.

 

Gewinne einstreichen, Verantwortung abgeben

Youtube hat Hassprediger zu Popstars gemacht und schert sich einen Dreck um die Konsequenzen

Youtube hat Hassprediger zu Popstars gemacht und schert sich, genau wie Facebook, einen Dreck um die gesellschaftlichen Konsequenzen. Die Analogie zur Bankenrettung drängt sich auf: Die Tech-Konzerne wollen alle Gewinne einstreichen, den negativen Fallout ihres Tuns aber auf die Gesellschaft abwälzen.

In Washington formiert sich derweil politischer Widerstand gegen die Big Player von der Westküste. Der US-Kongress will die Marktmacht der Tech-Giganten untersuchen. Kommende Woche beginnen die Anhörungen.

 

Politischer Widerstand wächst

Für Google, Facebook aber auch Amazon könnte es diesmal ernst werden, denn zum ersten Mal arbeiten Justizministerium, Handelsbehörde FTC, Demokraten wie Republikaner Hand in Hand zusammen.

Der Zeitpunkt jetzt, an dem Youtube plötzlich sein Gewissen entdeckt, dürfte also nicht ganz zufällig gewesen sein. Es steht zu befürchten, dass Googles PR-Nachrichten, künftig entschlossener gegen Homophobie und Verschwörungstheorien vorgehen zu wollen, nicht mehr sind, als die Inhalte, um die es geht:
 
Propaganda in eigener Sache, Fake News.

 
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1 Kommentare
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