In den kommenden Tagen schmeisst Facebook Freunde und Nachrichten-Inhalte von der Startseite. Stattdessen werden Creator-Clips und virale Videos in die Timelines bei Facebook und Instagram gepresst. Eine Kampfansage an TikTok – und uns alle.

Ab dieser Woche werden wir unsere Newsfeeds bei Facebook und bei Instagram nicht mehr wieder erkennen. Freunde und Nachrichtentexte fliegen von der Startseite. Stattdessen werden nach und nach mehr virale Videos und Creator-Content von Menschen, denen wir nicht folgen, in die Timelines gespült („Suggested for you“).

Spätestens mit diesem Schritt hat Facebook sein hehres Ziel ,“meaningful conversations“ zu fördern und „people that matter to us“ (Zuckerberg 2017) zu verbinden, endgültig in die Tonne getreten. Wieder einmal werden rund drei Milliarden Facebook/Instagram/Whatsapp/Messenger-Nutzer:innen zu Laborratten in einem der größten soziologischen Experimente der Menschheit.

Say goodbye to ‚time well spent‘ (Post von 2017)

Eine Forsa-Studie im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse hat  ergeben, dass sich die Zahl der Depressionen unter Teenagern in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt hat. Vor allem Mädchen sind offenbar betroffen. Der Grund: Sie verbringen mehr Zeit als Jungen in den Sozialen Netzwerken. 

Performen – rund um die Uhr

Ich versuche mir vorzustellen, wie es sein muss, ein Teenager im Social-Media- und Smartphone-Zeitalter zu sein. Dieser Druck, permanent performen zu müssen. Zeig mir dein Instagram-Profil und ich sag dir, wer du bist: die Zahl der Leute, die dir folgen, die Summe der Likes und Herzchen, die du im Netz erhälst, bestimmen deine Position im Popularitäts-Ranking. Schwarz auf weiß. In Echtzeit, für jeden ersichtlich. Und das rund um die Uhr. 

Die Sozialen Netzwerke sind brutal: Nirgendwo sonst im Leben wird man so taxiert, so dauerhaft und so schonungslos damit konfrontiert, dass man – egal was man auch tut – nicht genug ist: nicht schön, nicht schlank, nicht stark genug. Seht alle her: Mein Leben ist besser als deins!

Keine Rückzugsorte mehr

Gab es früher noch die Schulglocke, die einem wie der Schlussgong beim Boxen aus einer kompetitiven Schulumgebung befreite, gibt es für junge Menschen heute selbst am Nachmittag keinen Rückzugsort mehr. Der eigentliche Kampf beginnt nach Schulschluss: ein Kampf um Aufmerksamkeit, um Zuspruch und Anerkennung. 

Die Omnipräsenz von Smartphones hat dazu geführt, dass Jugendliche heute keinen Rückzugsort mehr haben. Konnten wir früher noch selbst bestimmen, was wir in unserer Freizeit gemacht und mit wem wir uns getroffen haben, verfolgen uns die Sozialen Netzwerke vom Aufstehen bis zum Zubettgehen. Selbst während wir schlafen.

Eine tickende Zeitbombe

Seit meinem letzten Blogpost haben zwei Familien in den USA Klage gegen TikTok eingereicht. Zwei Mädchen im Alter von 8 und 9 Jahren waren bei einer Mutprobe (Neudeutsch: „Challenge“) gestorben, bei der es darum ging, sich gegenseitig zu würgen und dabei zu filmen, wie man bewusstlos wird. Verbreitet wurde diese „Blackout-Challenge“ über TikTok. Genau diese Form von viralen Hits will Facebook nun, sowohl auf Facebook, als auch auf Instagram ins Zentrum seines neuen „Home“-Newsfeeds stellen.

TikTok gehört zu Bytedance, einem Internet-Konzern mit Sitz in Peking. Die App ist vor allem Amerikanern ein Dorn im Auge. Immer wieder gibt es Hinweise, dass Nutzerdaten heimlich nach China fließen. Ob dadurch politischer Einfluss ausgeübt wird, ist umstritten. In Indien wurde TikTok vor Jahren verboten.

Was TikTok wirklich gefährlich macht, ist seine Erfolgs-Formel, die vor allem Kinder und Jugendliche magisch in den Bann zieht. Wie eine Slotmaschine in Las Vegas rollt bei TikTok ein Video-Clip nach dem nächsten ab. Jeder lustiger, überraschender oder dramatischer als der Clip davor. Auswahl und Reihenfolge der Videos sind kein Zufall. Ein raffinierter Algorithmus studiert das Nutzungsverhalten des Betrachters. Mehr noch: Im Hintergrund schnüffelt TikTok heimlich, wo man sich gerade befindet, welche Webseiten man besucht und welche Apps man benutzt.

Das Schlimmste aus allen Welten

In TikTok haben Google und Facebook ihren Meister gefunden. Auch die Amerikaner spähen schamlos unsere Telefone aus. Doch die Chinesen machen es technisch besser. Kein Wunder, dass der Facebook-Mutterkonzern Meta Panik schiebt und letzte Woche angekündigt hat, seinen Homepage-Algorithmus künftig – genau wie TikTok – auf virale Hits und Creator-Content zu konzentrieren. 

Statt selbst mit gutem Beispiel voranzugehen und mit YouTube oder Instagram eine verantwortungsvolle, gesündere Umgebung zu schaffen, kopieren Google und Facebook jetzt auch noch die schlimmsten Praktiken von TikTok und integrieren diese in die eigenen Produkte. Genausogut könnte man auch Crack in Kitas und auf dem Pausenhof verteilen.

Anstatt aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, hat ein Wettrüsten begonnen um die hinterhältigste Manipulation menschlicher Schwächen und die schamloseste Ausbeute unserer Sehnsüchte. Das Ziel: noch mehr App-hängigkeit, noch mehr Daten, noch mehr Profit. Ein gezielter Angriff auf die Dopamin-Zentrale des menschlichen Gehirns. Extrem suchtgefährdend, vor allem bei psychisch labilen Menschen und bei Jugendlichen.

Die Regulierungs-Challenge

Was also tun? Mehr Aufklärung? Strafen? Verbote? Die Antwort lautet: Ja.

Mein Appell an mich selbst: Öfter mal offline gehen und den Augenblick genießen. Keine Gedanken mehr machen über das nächste Urlaubs-Foto, die lustigste Video-Sequenz oder den besten Twitter-Spruch, den ich posten könnte. Einfach nur den Moment festhalten. Für mich allein. Und vielleicht für die engsten Freunde.

Mein Appell an alle Politiker: Gehen Sie mehr online! Und zwar selbst – nicht Ihre Assistenten. Nutzen Sie Instagram und TikTok, am besten täglich. Studieren Sie, was diese Apps mit Ihnen machen. Wie es die Programme schaffen, Sie immer tiefer, immer länger an die Plattform zu binden. 

Und dann: Laden Sie Psychologen, Netzexperten, Juristen, Eltern und Lehrer ein, geeignete Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Genauso wie wir das mit Alkohol, Tabak und andere Drogen getan haben. Und nicht nur reden. Sondern auch handeln. Oder wie man auf TikTok sagen würde: Machen ist wie wollen, nur krasser. Ich nenne es: die „Regulierungs-Challenge“.

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4 Kommentare
  1. Daniel Grosse schreibt:

    Bei welchem Punkt soll ich anfangen? Ich stimme Ihnen weitgehend zu. Gestern schaute ich mir die Komödie „Krass Klassenfahrt“ an. Ging in Richtung der „F*uck U Goethe“-Reihe. In einer Szene hieß der kroatische Guide die Schüler:innen in dem Motel/Hotel willkommen. Drei Unisex-Klos gab es. Der erste Schock. Und nur EINE Steckdose. Der zweite Schock. „WLAN?“ „Und wie soll das gehen, eine Steckdose für alle, mit Social Media?“ Sinngemäß waren das die elementaren Fragen der Jugendlichen. Schulterzucken beim Guide. Seine Antwort: „Digital Detox!“ Er grinste.
    Strom weg, Stecker raus, ob das mal eine Lösung wäre?
    Getestet hatte ich vor Monaten eine andere Lösung: Wenn meine Töchter (12 und 14) zu Besuch kamen, wollten wir drei während wenigstens ein oder zwei Stunden unsere Handys in eine Schale legen und nicht anrühren. Es blieb bei der Lösung – als Idee. Bin ratlos.

    • Thomas schreibt:

      Warum schafft es Bill Gates, Marc Zuckerberg, eigentlich alle großen und reichen Entrepreneure ihre Kinder von SocialMedia fernzuhalten? Häufig bis über 18.

  2. Stefan Bauer schreibt:

    also Neil Postman wäre stolz auf diesen Beitrag. Dabei war es in den 80ern doch schon so schlimm …

    • Richard schreibt:

      Och, ich finde so falsch lag Neil Postman gar nicht. Mein Plädoyer ist ja nicht, die sozialen Netzwerke zu verlassen oder das
      Internet als solches infrage zu stellen. Die Plattformen könnten mehr Verantwortung übernehmen, statt alles dem Wachstum und Shareholder Value unterzuordnen. Profite einstreichen, den gesellschaftlichen Fallout dann aber vom Staat lösen zu lassen, erinnert ein bisschen an die Bankenkrise von 2008, findest Du nicht?

Willkommen!