Mit seinen Twitter-Accounts demonstrierte das ZDF schon früh, wie man Soziale Netzwerke erfolgreich einsetzt. Allein ZDFonline hat heute über 40.000 Nutzer. Wäre da nicht dieser klitzekleine Schönheitsfehler: unter ZDFonline und ZDFneo twittert gar nicht das ZDF, sondern 2 Jungs aus Baden Württemberg.

Es ist Juni 2009, als sich Marco Bereth (25) aus Schwäbisch Hall das Konto „ZDFonline“ bei Twitter sichert. Er und sein Kumpel Michael Umlandt (24) aus Heilbronn finden den Sender sympathisch, beginnen damit, unter der Flagge des Mainzer Fernsehsenders Werbung für das Programm zu machen.

Seit seiner Gründung gehört ZDFonline zu einem der beliebtesten Twitter-Angebote überhaupt. Kaum ein deutsches Medienunternehmen genießt in der 140-Zeichen-Community einen besseren Ruf als das ZDF. Das liegt vor allem daran, weil Marco und Michael ihren Kanal nicht wie die meisten Old-School-Medienhäuser als verlängerten RSS-Feed verstehen, sondern den Dialog mit dem Publikum suchen: ZDFonline reagiert auf Kritik, bedankt sich artig für positive Resonanz, hilft weiter bei Fragen zum Programm.

Kein Verdacht

Niemand schöpft Verdacht, schon gar nicht in der Mainzer Senderzentrale. Ein großes Haus wie das ZDF hat viele Abteilungen, viele Zuständigkeiten. Wochen vergehen, da erreicht die beiden Jungs in Baden Württemberg die folgende Direktnachricht:

Aus, Ende, vorbei – sind Marco und Michael aufgeflogen? Die beiden reagieren nicht. „Wir dachten, der ZDFsport- Account sei genauso falsch wie unserer“, meint Michael. Sie twittern munter weiter. Mehr noch, als die Zwei erfahren, dass das ZDF bald einen neuen Kanal „neo“startet, leisten sich die beiden ein Husarenstück:

Neo Nepp

Weil der Twitter-Account „neo“ offenbar schon vergeben ist, schicken Marco und Michael alias „ZDFonline“ dem Betreiber von „neo“ die wortgleiche Twitter-Direktnachricht, die sie selbst zuvor von „ZDFsport“ erhalten hatten. „ZDFneo“ reagiert prompt: Ein „engagierter Fan“ meldet sich, bietet „ZDFonline“ widerstandslos seinen neo-Acoount an. „Keine Stunde später hatten wir das Passwort“, grinst Michael. „Wir haben mit einem Fake-Account jemand anderes seinen Fake-Account abgenommen!“

Mit dem Zweiten twittert es sich besser: Von nun an twittern Marco und Michael also unter 2 ZDF-Accounts. Doch mit den steigenden Followerzahlen wird ihnen die Sache langsam zu heiß. Und so wenden sich die beiden Ghost-Twitterer schließlich per E-Mail an Mainz. Wochen später eine Antwort. Man verständigt sich auf ein Treffen.

Mainzer Meeting

Auf dem Lerchenberg wartet die Leiterin der Zentralredaktion Neue Medien, die. Chefin von ZDF.de, der Marketing-Leiter und noch ein paar andere Repräsentanten des Hauses auf Marco und Michael.“Wir hatten ganz schönen Bammel“ sagt Marco. Doch zur Überraschung der beiden jungen Männer verläuft das Gespräch anders als erwartet. Anstatt ihnen die Twitter-Konten abzunehmen, oder gar mit einer Klage zu kommen, bietet man den beiden etwas anderes an: einen Arbeitsvertrag.

„Die beiden haben es uns leicht gemacht, sie zu umarmen“, sagt Tina Kutscher, Chefin der Zentralredaktion. Neue Medien. „So professionell wie die Zwei twittern, könnten wir das gar nicht.“ Seit dem 1. Januar 2010 sind „ZDFonline“ und „ZDFneo“ nun also Konten des ZDF und Marco und Michael offizielle Mainzelmännchen auf dem zweiten Bildungsweg.

Ob sie sich vorstellen können, noch für andere Sender zu twittern, will ich am Ende unseres Gesprächs von Marco und Michael wissen. „Zwei bekannte Twitter-Accounts besitzen wir noch“, so Michael, als die Kamera schon aus ist. „Ich sag lieber nicht, welche!“.

Lobo lobt

Als ich von der Geschichte gehört habe, war ich baff. Einmal wegen der grandiosen Art, wie es Marco und Michael mit ihren Tweets gelingt, die Brücke zwischen Alten und Neuen Medien zu schlagen. Fast noch größeren Respekt habe ich vor der souveränen Reaktion des ZDF: Keine Abmahn-Keule, kein Kontroll-Kommando sondern eine Lösung, die für Sender, Account-Betreiber – vor allem aber für das Publikum ein unschätzbarer Gewinn ist. Win Win Win.

Weil mich die Story, wie Marco und Michael einem Unbekannten den ZDFneo-Account abgeluxt hatten, schwer an den grandiosen Troll-Vortrag von Sascha Lobo bei der re:publica erinnerte, habe ich Lobo um seine Meinung gebeten. Auch Sascha Lobo, der im Rahmen der Serie Sixtus vs. Lobo selbst schon für das ZDF/3sat vor der Kamera stand, findet nur lobende Worte:

„Eine der Medien-Institutionen, von der man es am wenigsten erwartet hätte, zeigt mustergültig, wie mit der neuen Medienwelt umzugehen ist: das ZDF auf Twitter mit @zdfonline. Die im Netz vorhandene Kraft mutig, fair und unverkrampft zu nutzen, selbst wenn sie zunächst gegnerisch erscheint – das ist die Art von pragmatischem Internet-Judo, die jedem Unternehmen und jedem Medium gut stehen würde.“

Und weiter:

„Der Umgang des ZDF mit dem Twitteraccount @zdfonline zeigt eine Haltung gegenüber dem Internet, die für alle Marken, Unternehmen und Institutionen zur Chance wird. Vielleicht sogar zur einzigen.“

Eure Meinung: Wie gefällt Euch ZDFonline bei Twitter? Was sagt Ihr dazu, wie das ZDF mit der Sache umgegangen ist?

Dir hat diese Story gefallen?
Flattr this

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Notwendige Felder sind mit * markiert.

144 Kommentare
  1. Hmmz schreibt:

    „eine Haltung gegenüber dem Internet, die für alle Marken, Unternehmen und Institutionen zur Chance wird. Vielleicht sogar zur einzigen“ < Ist Sascha Lobo jetzt endgültig in der Presse angekommen? Alles so pseudo-episch :D

    Ansonsten höre ich heute das erste Mal von der Story (folge dem ZDF aber erst auch seit irgendwann 2010) und finde sie brilliant. Hört man einfach selten, dass Dinge auch mal gut laufen können. :)

  2. Uwe Hauck schreibt:

    Also ich kenn zumindest Marco persönlich und muss sagen, wie das ZDF reagiert hat ist vorbildlich. Nicht gleich die Abmahnkeule schwingen sondern erst mal auf die Arbeit der beiden schauen und feststellen, Mensch, die können ja was. Würde mal sagen, würden mehr „alte Medien“ so mit dem Netz und seinen Protagonisten umgehen, könnte da noch viel mehr entstehen. Man sollte halt nicht immer unreflektiert auf die „klassischen Medien“ schimpfen sondern immer auch darauf achten, welche Bemühungen da laufen. Ist mir bei dem Uebermorgen.TV Panel ziemlich deutlich klar geworden. Wer in einem Satz sagt: „Ich schau eh kein Fernsehen mehr, wenn überhaupt dann nur im Computer“ sich dann über mangelndes Live Streaming ins Netz beschwert (Zattoo, irgendwer) udn dann schimpft, dass neue Experimente auf ZDFNeo laufen, der scheint irgendwie nicht wirklich zu wissen, was er will.

    Meine Hochachtung vor der Reaktion des ZDF und den zwei Twitterern. Weiter so.

Willkommen!