Obama in Berlin. Historisch! Nicht etwa die Ankündigung, Guantanamo dicht machen zu wollen (echt, jetzt!), das Nuklearwaffen-Arsenal der USA weiter abzubauen. Nein. Der historische Moment fand schon vorher auf der Pressekonferenz im Kanzleramt statt.

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Spott und Häme

Auf die Frage nach den Enthüllungen über die amerikanische Totalüberwachung im Netz antwortet die deutsche Bundeskanzlerin: „Das Internet ist für uns alle Neuland…“. Bam!

Es dauert ungefähr keine 0,001 Millisekunde, da bricht im Neuland die Hölle los: Virtuelle Giftpfeile fliegen aus allen UMTS-Sendemasten. Spott und Häme schießen durch die Glasfaserkabel, dagegen war das Jahrhunderthochwasser die reinste Pfütze. Das Internet als Neuland zu bezeichnen, ja in was für einem Jahrhundert lebt unsere Angie da eigentlich?!

Digitale Mauer

Die übertriebene, bisweilen hysterische Reaktion aus dem Netz ist symptomatisch für unsere Gesellschaft und die digitale Mauer, die uns noch immer trennt: Auf der einen Seite die Netzversteher, die Frühchecker, die sog. Digitale Bohème. Auf der anderen Seite die Spätzünder, die Dinosaurier, die Zeitungsleser.

Der Übergang von der analogen in die digitale Welt ist viel gewaltiger und weitaus komplexer, als viele von uns es wahrhaben wollen. Das Web ändert alles, die Art wie wir leben, wie wir uns informieren, wie wir denken. Es mag richtig sein, dass es das Internet, wie wir es kennen, schon seit über 20 Jahren gibt. Doch anders als bei der Umstellung vom analogen auf Digital-TV, vollziehen sich gesellschaftliche Wandel nicht über Nacht. Für Menschen gibt es (zum Glück) keinen Hebel, den man mal eben umlegen kann.

Angela Merkel hat Recht, wenn sie in diesem Zusammenhang von einem „Neuland“ spricht. Wir alle stecken mitten drin in diesem Prozess, uns als Gesellschaft neu zu erfinden. Keiner von uns weiß, was am anderen Ufer auf uns wartet. Ob analog oder digital, ob Zeitung oder iPad, ob jung oder alt – wir alle müssen unsere Talente mit einbringen und uns dieses Neuland gemeinsam erschließen. 20 Jahre mögen gerade für die Jüngeren unter uns als mächtig lange Zeitspanne erscheinen. Tatsächlich aber denke ich, sind wir noch ganz am Anfang unserer Reise.

tl;dr: Das Neuland ist nicht das Ende der Welt, sondern gerade erst der Anfang.

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30 Kommentare
  1. Romy schreibt:

    Ja, wir haben zu schnell und zu kurz gedacht sowie überreagiert. Schlimmer ist aber, was sie nach dem Satz sagte. Die 3-4 Sätze bilden quasi den Blankocheque für den großen Bruder USA und seine Spitzelattacken. Das ist gefährlich und alles in dem Zusammenhang verdient zu Recht mediale Aufmerksamkeit, auch wenn Twitter/Facebook nur eine kleine Filterblase unserer 80 Mio. Gesellschaft darstellt.

  2. A.R. schreibt:

    Und wieder einmal wird der Fehler gemacht von zwei lautstarken Minderheiten auf die Mehrheit unserer Gesellschaft zu schließen, die schon längst, still und heimlich, im Internet angekommen ist.

    Die Mehrheit der Deutschen nutzt das Internet tagtäglich ohne dabei zur „Digitale Bohème“ oder den „Spätzündern“ zu gehören. Homebanking, Online-Shopping (von ebay bis hin zu Zalando) oder Kommunikation (von Email über Chats bis hin zu Skype) gehören für viele von uns zum Alltag. Es gibt in Deutschland wesentlich mehr Internetnutzer, aber diese werden von beiden Seiten ignoriert. Während sich zwei Alpha-Gruppen – meist von der Öffentlichkeit und den Medien unbeachtet – die Köpfe einschlagen, surft eine Mehrheit unserer Gesellschaft durchs Netz. Nur die Diskussion um Vorratsdatenspeicherung, Netzneutralität, Neuland oder das Zeitungssterben interessiert die Masse der Internetnutzer nicht.

    So sieht doch die Realität aus…

Willkommen!