Eine Gruppierung konservativer Wahlkampf-Veteranen hat sich zusammengetan, um Donald Trump aus dem Weißen Haus zu jagen. Dabei greifen die Strategen des „Lincoln Projects“ tief in die Trickkiste des Online-Trollens und versuchen Trump mit den eigenen Waffen zu schlagen.

Erinnert Ihr Euch noch an den Wahlkampf von Hillary Clinton gegen Donald Trump? Hatte Clinton 2016 eher passiv auf Trumps verbale Attacken reagiert („When they aim low, we go high“), setzen Demokraten und Biden-Sympathisanten heute erkennbar auf eine andere Taktik. Sie schießen jetzt, drei Monate vor der Wahl, aus allen Rohren.

Mit Rohren ist hier natürlich gemeint: Twitter, Facebook, Instagram, YouTube und ja – sogar die chinesische Teenie-Plattform TikTok. Während das klassische Fernsehen nur noch zum Stichwortgeber dient, haben sich die sozialen Netzwerke über die Jahre zum eigentlichen Schlachtfeld für die politische Diskussion gemausert. Hier werden potentielle Wähler und Wählerinnen polarisiert, aktiviert und instrumentalisiert. Hier werden Grenzen ausgetestet und nicht selten auch überschritten. 

Anders als noch vor vier Jahren sind 2020 Fakes und Hetze zum natürlichen Bestandteil des gesellschaftlichen Diskurses geworden (mit freundlicher Unterstützung der beiden größten Hassprofiteure Google und Facebook). Der Kampf um Aufmerksamkeit und Engagement hat eine neue Dimension erreicht. Rote Linien sind nicht länger Stopmarkierungen. Sie sind die Startlinie.

Aufstand der Never-Trumpers 

Im Schatten des Kapitols hat sich eine konservative Gruppierung formiert, die offen zur Wahl des politischen Gegners, Joe Biden, aufruft. Es ist das erste Mal, das sich unter den sog. „Never Trumpers“ organisierter Widerstand gegen den Amtsinhaber regt. Widerstand, der Trump in der medialen Wahrnehmung gefährlicher werden könnte, als der Mueller-Bericht, das Amtsenthebungsverfahren und Corona zusammen. 

Die Rede ist vom Lincoln Project, ein Zusammenschluss von Republikanern, die sich zum Ziel gesetzt haben, Trump aus dem Weißen Haus zu jagen. Zu den acht Gründungsmitgliedern zählen konservative Polit-Veteranen, die schon für Ex-Präsident George W. Bush oder Arnold Schwarzenegger gearbeitet haben. Pikant: Auch George Conway ist Teil des Gründerteams, Ehemann der schrillen Trump-Beraterin Kellyanne Conway.

Seit ihrer Gründung im letzten Dezember hat das Lincoln Project für viel Unruhe in Washington gesorgt. Republikaner wie auch Demokraten stehen der Gruppierung skeptisch bis ablehnend gegenüber. Viele zweifeln an den hehren Motiven der Mitglieder, vermuten Profitgier oder gar einen persönlichen Rachfeldzug hinter den Wahlkampf-Aktivitäten.

Die dunklen Künste des Negative Campaignings

Die Strategie des Lincoln Projects basiert auf Negative Campaigning, das heißt, sämtliche Botschaften zielen darauf ab, Donald Trump persönlich anzugreifen. Die Art und Weise, wie das Lincoln Project dabei vorgeht, ist so raffiniert wie diabolisch. Mit in Rekordzeit produzierten, hoch emotionalen Videos überflutet die Organisation die Sozialen Netzwerke. Nur wenige Stunden nach einem Auftritt des Präsidenten gehen die dazugehörigen Repliken ins Netz. 

Um dort für die notwendige Aufmerksamkeit zu sorgen, ziehen die Macher alle Register der dunklen Künste der Web-Manipulation. Tonalität und Inhalte der Clips sind so ausgerichtet, dass sie gleichermaßen von Nutzern, als auch von den Algorithmen gerne geteilt werden. Die Videos sind provokant, überspitzt, alarmistisch und meist düster, in manchen Fällen aber auch komödiantisch, wie beispielsweise „Trumpfeld“, eine zusammengeschnittene Collage eines Trump-Interviews im Stil der langjährigen US-Sitcom „Seinfeld“.

Das Konzept geht auf. Filme, die nicht auf Anhieb eine Millionen Abfrufe erzielen, gelten intern als Rohrkrepierer. Doch das ist die Ausnahme. Allein auf YouTube erreichen viele Videos bis zu zwei Milllionen Views. Dank der Wahlkampf-Spots des Lincoln Projects laufen die Tweets des US-Präsidenten immer häufiger ins Leere. Noch bevor Trumps Provokationen ihre übliche Empörungswirkung im Netz entfalten, werden diese durch die viralen Hits des Lincoln Projects neutralisiert und wie eine umgelenkte Cruise Missile auf ihn zurückgefeuert. 

Die Kunst des Trollens

In einem Podcast erklärt Rick Wilson, ehemaliger Wahlkampf-Stratege der Republikaner, wie das Lincoln Project dabei vorgeht: „Wir versuchen die Schwächen, die der Präsident laufend an den Tag legt, auszunutzen und ihn auf allen Gebieten anzugreifen. Jedesmal, wenn uns das gelingt, wirft das seine Kampagne zurück, kostet ihn das Zeit, Geld und politischen Spielraum.“

Dabei greifen die Kampagnen-Strategen tief in die Trickkiste des Trollens. Humor, Provokation, gezielte Grenzüberschreitungen. Sie schlagen Trump mit seinen eigenen Waffen. Anders als der US-Präsident gehen die Spin Doktoren des Lincoln Projects dabei systematischer und mit weit mehr Finesse ans Werk. 

„Wir sind schnell. Wir haben ein super-schlankes Produktionssystem“

„Wir sind schnell. Wir haben ein super-schlankes Produktionssystem.“, erklärt Rick Wilson. „Wir kommen täglich zusammen und legen fest, was das heutige Thema sein könnte, was wir an diesem Tag bewegen wollen“. Anders als in klassischen Kampagnen halte man sich dabei nicht lange mit Anzeigen-Tests auf oder brüte wochenlang über Themen. “Wir sind wie U-Boote, die durch das Meer ziehen“.

Höllenmaschine Facebook

Als wichtigste Waffe der Guerilla-Truppe bezeichnet der Kampagnen-Chef Facebook. „Die Höllenmaschine von Facebook ist das bedeutenste Werkzeug politischer Manipulation, das jemals in der Geschichte der gesamten Menschheit entwickelt wurde“, sagt Rick Wilson. „So sehr ich der Überzeugung bin, dass Facebook zerstört werden müsste – es ist nun mal da.“

Während man mit traditioneller Werbung grobe Wählerkreise adressieren könne, ließen sich mit Facebook Kampagnen granular auf einzelne Personen zuschneiden. „Dank Facebook kann ich sicherstellen, dass meine Botschaften dich auf deinem Telefon, auf deinem Computer und auf deinem Tablet verfolgen“, so Wilson. „Dort kann ich dir dann einreden, wenn du nicht für Donald Trump wählst, wird die Antifa kommen und deinen Hund töten“.

Die Trump-Wahl 2016 habe gezeigt, die Schlacht werde in den letzten fünf bis sechs Wochen vor dem Wahltag entschieden, sagt Wilson. Von den 17 Millionen US-Dollar, die das Lincoln Projekt bislang an Spendengeldern eingesammelt hat, seien aktuell rund 15 Millionen übrig. Genug Munition für den Showdown im Herbst.

 
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29 Kommentare
  1. Christian schreibt:

    Nur zur Vervollständigung: „When they aim low, we go high“ war zwar Clintons Lager, aber nicht sie selbst, sondern Michelle Obama.

  2. Siegmund Marx schreibt:

    Ich finde die Videos des Lincoln-Project sehr gut, sie sind kurz, hart und sehr präziese auf den Punkt gebracht. Sie scheine mir eine verhältnissmaßig wirksame Waffe im Kampf gegen diese Mischung aus Wahnsinn und Schwachsinn zu sein, unter der nicht nur die USA seit nunmehr fast vier Jahren leiden.
    Allerdings sollte man sich im Klaren darüber sein, was für ein Verein das LP eigentlich ist. Stephen Colbert hat das in diesem Beitrag sehr schön herausgearbeitet:
    https://www.youtube.com/watch?v=tNvuYPpX0C0

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